Am Schluss siegte der Sport. Nach 1976 gab es wieder Einzelgold für Österreich (Karl Schnabl) auf der Großschanze. Thomas Morgenstern und Andreas Kofler lieferten sich ein sagenhaftes Duell um den Titel. Beide bewiesen immer wieder in Trainings oder Qualifikationen, dass das Potential für den ganz großen Wurf da ist. Morgenstern und Kofler haben bis jetzt je einen Weltcupsieg. Erst einen muss man fast sagen, denn nur die fehlende Konstanz verhinderte mehr Siege. Sie haben sich ihren zweiten großen Auftritt für den rechten Moment aufgespart. Thomas Morgenstern ist Olympiasieger, mit erst 19 Jahren. So wie es viele prophezeiten, als er 2003 mit 16 seinen ersten Weltcupsieg in Liberec/CZE feierte. Genau 0.1 Punkte Vorsprung dank einer wackligen Ausfahrt von Andi Kofler sicherten ihm den Eintrag in die Geschichtsbücher. Kofis Reaktion zeigte: Der Zweite ist kein Verlierer.
Verlierer gab es freilich auch. Janne Ahonen, der wohl keinen Einzel-Olympiasieg mehr erringen wird. Matti Hautamäki, der mit Recht auf mehr hoffen durfte als Platz 5.
Der größten Verlierer dieses Samstags ist jedoch das deutsche Team. Nicht, was das Sportliche angeht. Platz 11 für Michael Neumayer ist ein gutes Resultat, sehr viel mehr als die Ränge 19 uns 20 für Martin Schmitt und Georg Späth durfte man realistischerweise nicht erwarten. Auch der 16. Platz von Michael Uhrmann ist kein Weltuntergang. Denn wie hätte es denn auch besser laufen sollen nach dem ganzen Zirkus, der sich seit gestern im DSV abspielte und nicht nur bei anderen Nationen für Kopfschütteln sorgt?
Bei einem Kommentar kommt man leider nicht umhin, auch dazu Stellung zu nehmen. Und da heißt es festzustellen: Durch diese Aktion haben alle verloren. Die Unruhe hat das Team sicher nicht zu größerer Leistung animiert. Statt über Sportliches wird nun über Kompetenz des Trainers, Betrugsversuche und mangelnde Teamfähigkeit des Athleten diskutiert. Nichts davon kann das deutsche Skispringen gebrauchen. Beweis gefällig? Nach der Abreise von Alex Herr stünde kein konkurrenzfähiger Ersatzmann zur Verfügung, sollte sich einer der verbliebenen Vier verletzen. Es bliebe nur ein Rückzug aus dem Bewerb. Die ohnehin nur kleine Chance auf eine Teammedaille ist unter diesen Voraussetzungen auch nicht unbedingt gewachsen. Ein öffentlicher Streit wie dieser ist bei einem Großereignis reine Energieverschwendung.
Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen und Beteiligten aus diesem Schlamassel lernen. Diejenigen übrigens, die in Alex Herr jetzt den alleine Schuldigen festmachen und ihn mit Sanktionen vom Hof jagen wollen, sollten besser zwei Mal nachdenken. Alexander Herr hat sich zwei Sätze zu viel erlaubt: Den mit der Kompetenz des Trainers und den mit der Lachnummer. Über den Rest seiner Brandrede vor der Kamera kann und sollte man diskutieren. Daran ändert auch Herrs Vergreifen im Ton nichts. Nach allen Vorleistungen konnte sein Einsatz im Einzel eigentlich nicht zur Disposition stehen. Immer nur mündige Athleten zu fordern, reicht nicht. Man muss dann auch mit ihnen umgehen können. Kann es wirklich sein, dass bei Olympischen Spielen ein zu weiter Anzug im Training vom eigenen Team öffentlich zum Thema gemacht wird, dass eine Nominierung für ein Springen eine solche öffentliche Eruption hervorruft?
Außer den Beteiligten selbst war keiner bei den internen Diskussionen dabei. Doch dass aus solchen Mücken derartige Elefanten werden, spricht mindestens genauso wenig für die Teamleitung wie für den wenig teamorientierten Einzelkämpfer Alexander Herr. Irgendetwas passt nicht hinter den Kulissen. Es gilt, genau dort aufzuräumen. Einen neuen Fall Möllinger kann sich das deutsche Skispringen derzeit absolut nicht leisten.
|