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  Die Stunde des Valery Kobelev

März 1999, der katastrophale Sturz von Valery Kobelev überschattet den Saisonabschluß des Winters 1999.
Kobelev knallt aus acht Metern Höhe auf den Aufsprunghang, überschlägt sich mehrmals und bleibt bewusstlos liegen, er liegt nach seinem Sturz im Koma und ringt tagelang mit dem Tod.

Nur spärliche Informationen sickern danach über seinen Gesundheitszustand nach Westen. Noch Wochen nach dem tragischen Unglück ist nicht klar, ob Kobelev bleibende Schäden davontragen wird.
Erst im Sommer 2000 erscheint Kobelev anlässlich des Sommer Grand Prix in Hinterzarten wieder in der Öffentlichkeit. Gemeinsam mit seinem Trainer nimmt er einen Scheck vom Deutschen Skiverband in Höhe von DM 10.000,- in Empfang, der ihm eine optimale Regeneration erleichtern bzw. diese überhaupt erst ermöglichen soll.
Trainer und Athlet sprechen zu diesem Zeitpunkt davon, dass mit dem kommenden Winter das Training wieder beginnen soll. Man merkt Kobelev im Sommer 2000 die Spätfolgen des Sturzes noch an und steht den Ankündigungen in Sachen Trainingsbeginn eher skeptisch gegenüber.
Aber Kobelev beginnt Ende 2000 tatsächlich wieder zu trainieren. Mit den Gedanken an den furchtbaren Sturz im Hinterkopf und den bescheidenen Möglichkeiten des russischen Verbandes fängt Kobelev wieder an, sich zu schinden und zu quälen, er kann gar nicht anders.

Eigentlich hat es bis zum Beginn des Winters 2001/2002 gedauert, bis Valery Kobelev wieder richtig in Erscheinung getreten ist, dafür in diesem noch jungen Winter aber um so beeindruckender. Mit konstant guten Leistungen hat sich Kobelev wiederholt in den Punkterängen platziert und konnte in Predazzo mit Rang 9 sein bisher bestes Saisonergebnis erzielen.
"Aber das war noch nicht das Optimale" sagt sein Trainer, "da kommt noch mehr", und sein Daumen zeigt senkrecht nach oben. Kobelev selbst hört die Worte seines Trainers, schweigt und lächelt, wie er es fast immer tut.
Kobelev ist ein ausgesprochen ruhiger Zeitgenosse, ihm ist es lieber, wenn der Trainer für ihn spricht. Das Reden ist nicht seine Welt, seine Welt ist das Springen, das reicht ihm.

  Neues Material für Chancengleichheit


Die Stunde des Valery Kobelev wird in diesem Winter aber erst noch schlagen, da ist sich Trainer Sergej ganz sicher, und er hat guten Grund für diese Aussage. In Garmisch-Partenkirchen wird Valery Kobelev zum ersten Mal über neue, speziell auf ihn zugeschnittenen Skier verfügen.
Das ist für Kobelev, und für einen russischen Springer generell, etwas ganz besonderes. Damit besteht für den jungen Russen zumindest in punkt Material Chancengleichheit mit den Springern aus den mittel- und nordeuropäischen Ländern.

Zu verdanken hat Kobelev das dem französischen Ski-Entwickler Pierre Heinrich (Rossignol). Heinrich betrachtet es als eine besondere Herausforderung, wann immer es seine Zeit zulässt, auch Springern der schwächeren Nationen Skier der Kategorie Extraklasse zu bauen.
So hatte Heinrich im vergangenen Winter bereits dem Teamkollegen von Kobelev, Dimitri Vassiliev, einen speziell auf ihn zugeschnittenen Ski angefertigt. Vassiliev katapultierte sich in die Weltspitze und landete bekanntlich in Innsbruck auf dem Siegerpodest, wurde kurze Zeit später dann allerdings disqualifiziert und zwei Jahre gesperrt, weil er der Einnahme von verbotenen Substanzen überführt wurde.
Vassiliev hatte Entwässerungsmittel zu sich genommen, um "leichter" starten zu können. Eine folgenschwere Dummheit des Russen mit dem enormen Potenzial und ein eindeutiges Vergehen gegen das FIS-Reglement .
Vassiliev trainiert momentan "mit ganz starken Leistungen", wie es der Trainer formuliert, in seiner Heimat. Ein Gnadengesuch, das Vassiliev den Start bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City ermöglicht hätte, wurde abgelehnt, Vassiliev kann also erst wieder im Januar 2003 an internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

Doch zurück zu Valery Kobelev und dem russischen Team. Die Russen trainieren und reisen ja bekanntlich unter geradezu abenteuerlichen Bedingungen. Das gesamte Team verlängert normalerweise die Aufenthalte an den Veranstaltungsorten um ein bis zwei Tage und reist auch generell als erste Mannschaft an den Wettkampforten an.
Das hat den einfachen Grund, dass so die hohen Kosten für die Heimreise zwischen den Wettkämpfen eingespart werden. Die Reisen für Fahrt oder gar Flug nach Russland können schlicht nicht bezahlt werden.
Das russische Team ist im Prinzip in diesem Winter seit dem Weltcup-Auftakt in Kuopio auf Achse. Der erste Heimataufenthalt des Winters steht nach der Vierschanzentournee an, die Russen verzichten daher auf einen Start in Willingen.

Um so höher sind die Leistungen der Kobelev, Fatkulin und Co. einzuschätzen. Speziell Kobelev hat seit Beginn des Winters seine Klasse wiederholt unter Beweis gestellt.
Mit neuem, optimalem Material sind ihm absolute Spitzenplätze durchaus zuzutrauen. In Garmisch-Partenkirchen werden wir also eine weitere Episode aus dem Kapitel "Chancengleichheit" (zumindest in Sachen Material) erleben.
"Einen Platz unter den ersten sechs wird Valery Kobelev in Garmisch-Partenkirchen erreichen", da gibt es heute mindestens zwei Leute die sich in diesem Punkt ganz sicher sind.

Und uns würde es kein bisschen wundern, wenn diese Voraussage so eintrifft, und wünschen kann man es dem schweigsamen Mann aus Russland allemal.



















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