Martin Schmitt: “Fragen nach dem Karriereende nerven”

Nach einer enttäuschenden Saison 2011/2012 und einer langen Verletzungspause fokussiert sich Martin Schmitt nun auf die kommende Saison. Im exklusiven Interview mit skispringen.com-Redakteurin Annika Kläsener spricht Schmitt über seinen aktuellen Trainingsalltag, eine mögliche Karriere nach dem aktiven Skispringen und die geplanten Neuerungen im Materialbereich.

Herr Schmitt, wie geht es Ihrem Knie?

Martin Schmitt: Es geht ganz gut, ich bin recht zufrieden. Momentan mache ich im Training aber auch noch nicht die hohen Intensitäten. In dieser Zeit des Jahres macht man eher große Umfänge bei geringeren Intensitäten. Das kann ich alles ganz gut machen. Ich hoffe, dass es sich so weiter stabilisiert, auch wenn die Intensität steigt und das Sprungtraining dazukommt. Bei einer längeren Verletzungszeit, in der immer wieder Probleme aufgetreten sind, ist man natürlich etwas vorsichtiger. Da tastet man sich wieder an die Belastung heran.

Wie sieht Ihr Trainingsalltag momentan genau aus?

Schmitt: Im Moment springen wir noch nicht, also machen wir nur körperliches Training. Es ist zwar nicht die Menge an Trainingseinheiten, wie wenn wir springen würden, dafür sind die Einheiten umso härter. Das ist im Krafttrainingsbereich die Zeit des Leidens, was aber dazu gehört, schließlich werden jetzt die Grundlagen gelegt. Mir macht das körperliche Training genauso viel Spaß wie das Sprungtraining, mir fällt das nicht schwer.  Momentan steht der Kraft- bzw. Schnellkraftbereich im Vordergrund, dazu kommt begleitend koordinatives Training und Rumpfstabilität ist ein wichtiges Thema. Hin und wieder baue ich auch turnerische Elemente ins Koordinationstraining ein, das gehört für mich zu dem Block dazu. In diesem Bereich kann man sich ein bisschen austoben und  auch mal ein Spiel machen. Im Moment bin ich allerdings allein in der Trainingsgruppe, weil jeder etwas zu tun hat, da geht das mit den Spielen schlecht.

Studieren Sie nebenher?

Schmitt: Im Moment noch nicht. Ich habe aber schon konkrete Vorstellungen. Das wird sich aber erst beizeiten klären. Aber es geht in eine recht naheliegende Richtung.

Steht nach der aktiven Skisprungkarriere womöglich eine Trainerkarriere an?

Schmitt: Vorstellen kann ich mir das schon. Ich glaube nicht, dass ich mein Leben lang als Trainer arbeiten werde, aber für einen gewissen Abschnitt kann ich mir das vorstellen. Ich habe in den letzten Jahren auch schon die A- und B-Trainerlizenz des Deutschen Skiverbands gemacht und in der Richtung werde ich mich vielleicht noch weiterentwickeln.

In den letzten Jahren mussten Sie einige Rückschläge hinnehmen, die Kritiker wurden immer lauter. Wie können Sie sich dennoch immer wieder motivieren?

Schmitt: Das ist eine gute Frage. Aber mir fällt es eigentlich nicht so schwer. Allerdings bringen einen Verletzungen an einen Punkt, wo es einfach nervt und man merkt, es zieht einen schon ein bisschen in den Keller. Man ist motiviert und würde gerne loslegen, aber man kann beziehungsweise darf nicht. Das ist eine blöde Situation. Grundsätzlich habe ich aber noch Lust am Sport, freue mich den Sport auszuüben, freue mich aufs tägliche Training und ich sehe in dem Sport nach wie vor etwas für mich. Ich denke, ich bin nach wie vor konkurrenzfähig, wenn ich meine Hausaufgaben mache, wenn ich gut trainieren und  die technischen Dinge umsetzen kann. Vor der Herausforderung steht jeder andere auch, ob er jetzt 20, 25 oder 30 ist. Deswegen will ich es einfach nochmal probieren. Es kann auch sein, dass ich irgendwann merke: Okay, es geht vielleicht doch nicht mehr. Aber im Moment habe ich das Gefühl, dass es noch geht, deswegen will ich es auch probieren.

Können Sie wieder in die Top Ten springen?

Schmitt: Genau weiß ich das natürlich selbst nicht. Ich glaube aber schon, dass es möglich ist, in die Top Ten zu springen – sonst würde ich den ganzen Aufwand wahrscheinlich auch nicht betreiben. Aber natürlich kann ich das nicht versprechen. In letzter Zeit hab ich das auch nicht gezeigt, deswegen habe ich da sicherlich keinen Freifahrtschein, und kann da jetzt auch keine großen Töne spucken. Aber ich denke, dass es machbar ist, wenn ich technisch auf einem guten Niveau springe, und gut trainieren kann.

Würden Ihnen dabei die neuen Anzüge, die derzeit diskutiert werden, entgegenkommen oder es schwerer machen?

Schmitt: Ich bin jetzt ehrlich gesagt nicht in Jubelschreie ausgebrochen. Letztendlich weiß man es aber erst, wenn man es ausprobiert hat. Ich bin vom Sprungstil eher einer, der nicht sofort ins System reinspringt, sondern meine Grundbewegung ist relativ aggressiv und mein Sprungstil ist eher auf Geschwindigkeit ausgelegt. Wenn da einfach Auftrieb fehlt, dann wird’s tendenziell schwerer. Aber ich lasse mich jetzt mal überraschen, ob die Regel kommt und wenn sie kommt, dann werde ich da auch eine Lösung für finden. In zwei bis drei Wochen werden wir anfangen zu springen, in drei Wochen soll es die Entscheidung geben – bis dahin werde ich sicher mal einen neuen Anzug verwenden.

Würden die neuen Anzüge das Springen fairer machen?

Schmitt: Das kann man so und so sehen. Eine Theorie ist, dass man irgendwo die Aerodynamik, also die Tragfläche beschneidet, und dadurch der Windeinfluss geringer wird. Die Erfahrung in den letzten Jahren, als die Anzüge enger geworden sind, geht aber dahin, dass man besser an den Skiern und der Bindung ansetzen sollte, man also besser da Fläche wegnehmen müsste, um den Windeinfluss zu verringern. Es ist so, dass die Skier eine wahnsinnige Angriffsfläche haben und meine Befürchtung ist, dass der Körper durch die engeren Anzüge nicht so entlastet wird wie bisher. Das heißt, der Ski müsste mehr Arbeit verrichten. Bei Aufwind sollte das kein Problem sein, weil da genügend Druck vorhanden ist, aber bei Rückenwind, kann das Ganze sehr sensibel werden. Und es könnte sein, dass dadurch der Unterschied zwischen Auf- und Rückenwind noch größer wird. Aber wie gesagt – man weiß es erst, wenn man es probiert hat.

Wie hat sich das Skispringen  in den vergangenen Jahren verändert? Welchen Einfluss hatten dabei etwa die neuen Bindungen?

Schmitt: Die Beobachtung in den letzten Jahren war, dass das Springen extremer geworden ist. Dass gerade bei Aufwind die Geschwindigkeit extrem weit nach unten geht, dass schon ein leichter Windhauch perfekt genutzt werden kann. Es gibt zwei Theorien, entweder sind einfach alle besser geworden und können mit Aufwind besser umgehen. Die andere Variante ist, dass durch die neuen Bindungen die Skifläche vergrößert wird und man den Aufwind dadurch besser nutzen kann. Der Flächengewinn durch die neuen Bindungen ist ja schon enorm. Viele sind ja letztes Jahr freiwillig mit bis zu zehn Zentimeter kürzeren Skiern gesprungen ohne dass sie dadurch einen Nachteil hatten. Wenn man uns vor zehn Jahren gesagt hätte, dass die Ski um zehn Zentimeter gekürzt werden, da hätten wir schon geschluckt. Aber durch die neuen Bindungen kann man auch die kürzeren Ski viel effektiver nutzen und deshalb glaube ich, dass man in dem Bereich mehr Einschränkungen hätte machen sollen.

Welche Skilänge werden Sie springen?

Schmitt: Das wird sich zeigen. Das kürzeste, was ich bis jetzt gesprungen bin, war drei Zentimeter kürzer als die maximale Skilänge. Man muss immer sehen, womit man am besten zurechtkommt, und durch die neuen Anzüge wird sich das auch wieder ändern. Es kann sein, dass man wieder eher auf längere Skier geht, vielleicht aber auch nicht. Das wird sich zeigen. Man muss einfach ausprobieren, was in dem Moment das Beste ist.

Haben Sie schon einen groben Fahrplan für den Sommer? An welchen Wettbewerben wollen Sie teilnehmen?

Schmitt: Natürlich gibt es einen groben Plan für den Sommer, aber an welchen Wettkämpfen ich genau teilnehmen werde, weiß ich noch nicht. Für mich sind zunächst mal die nächsten Wochen entscheidend, dass ich gut trainieren und gut vorbereitet ins Sprungtraining gehen kann. Da habe ich schon mal einiges zu tun aber wenn alles gut läuft kann man auch wieder an Wettkämpfe denken. Im Laufe der Sommervorbereitung werden wir dann sehen, wo ein Start Sinn macht und welche Richtung wir einschlagen.

Aber Hinterzarten steht wahrscheinlich auf dem Plan?

Schmitt: Ja, schon. Das Heimspringen in Hinterzarten ist sicher ein Highlight im Sommer. Auch wenn es nicht meine absolute Lieblingsschanze ist, wäre es doch schön, zu Hause zu springen.

Würden Sie dort gerne bei der Premiere des Mixed-Wettbewerbs an den Start gehen?

Schmitt: Ja, ich würde gerne starten, weil das heißt, dass ich zu den zwei besten Männern gehöre (lacht). Das wäre beim Stand unserer Mannschaft gar nicht so schlecht.

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie sich dann wieder für eine Karriere als Skispringer entscheiden?

Schmitt: Ja, auf jeden Fall. Ich bereue da gar nichts. Das war einfach der Sport, der mich als Kind am meisten fasziniert hat und diesem Sport bin ich treu geblieben. Ich glaube, im Skispringen habe ich meine größten Qualitäten und kann sie auch ausspielen. Ich bin irgendwo talentiert für den Sport, deswegen die richtige Entscheidung. Auch wenn ich mit 18, 19 oder 20 aufgehört hätte, hätte ich nichts bereut, weil mir der Sport auch in jungen Jahren so viel gegeben hat. Man nimmt da so viel mit.

Können Sie in Anbetracht dessen nachvollziehen, warum zum Beispiel die Biathletin Magdalena Neuner so früh aufgehört hat?

Schmitt: Vielleicht hatte sie Angst, dass es schlechter wird. Das ist einfach Typsache. Dem einen reicht‘s bereits in jungen Jahren, der andere hat länger Spaß dran. Da gibt’s kein Ideal. Ich denke Michael Schumacher hat einfach wahnsinnig viel Spaß am Autofahren. Und deshalb fährt er noch, beziehungsweise ist zurückgekommen, weil es ihm gefehlt hat. Da brauch ich doch gar nicht erst aufhören. Skispringen ist natürlich ein Sport, den man nicht ewig machen kann, das ist ganz klar. Ich wollte jedenfalls nicht aufhören und dann in zwei Jahren wieder anfangen. Ich habe mir immer gesagt, so lange ich mich für den Sport begeistern kann und da etwas für mich sehe, so lange mache ich weiter. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo ich merke, dass es keinen Spaß mehr macht oder ich nicht mehr in der Lage bin, konkurrenzfähig zu sein, dann lasse ich es auch sein, weil dann zwangsläufig auch der Spaß verloren geht.

Zu Ihrem eigenen Karriereende mussten Sie ja zuletzt viele Fragen beantworten…

Schmitt: Die Fragen nach dem Karriereende nerven natürlich schon, weil man sich rechtfertigen muss, warum man das tut, was einem Spaß macht. Aber es ist nun mal ein Thema und ich versuche dann immer, die Dinge aus meiner Sicht zu schildern. Ein paar Menschen finden es toll, dass ich weitermache, ein paar können es vielleicht nicht verstehen – aber letztendlich bin ich derjenige, der es entscheidet.