Tops & Flops: Glücksgefühle und Tränen bei Raw Air

Neue Weltrekorde und ein hochdramatisches Finale – die Erstausgabe der Raw Air hält, was sie verspricht. Ein enges Duell bis zum Ende, bis der Favorit im entscheidenden Moment patzt. skispringen.com analysiert Gewinner und Verlierer.

“Most extreme, most intense” – das Motto der neuen Skisprung-Wettkampfserie traf den Nagel auf den Kopf. In zehn Tagen quer durch Norwegen, über Oslo nach Lillehammer, Trondheim und schließlich Vikersund. Viel härter geht’s nicht. 16 Wettkampfsprünge waren vorgesehen, 14 wurden es schlussendlich. Eine große Herausforderung für Körper und Geist der Athleten nach einer ohnehin schon kräftezehrenden Saison. Nach der Absage des Einzelspringens in Lillehammer sprach sich der österreichische Cheftrainer Heinz Kuttin verständlicherweise dafür aus, den Wettkampf ersatzlos zu streichen. “Es ist anstrengend genug. Die Tour fordert den Athleten alles ab.” Dessen ungeachtet versuchten die Verantwortlichen dennoch einen zusätzlichen Wettkampf im ohnehin eng getakteten Terminplan unterzubringen, bis letztlich auch dieses Vorhaben vom Winde verweht wurde. Raw Air – der Name war bei der Premiere Programm. Wind und Wetter nahmen mehrmals entscheidend Einfluss.

Kraft: Mit Geschick und Glück zum Sieg

Unbeeindruckt von allen diesen Unzulänglichkeiten zeigte sich einmal mehr Stefan Kraft. Der Österreicher, der sich in Lahti zum Doppel-Weltmeister gekrönt hatte, kürte sich zum ersten Gewinner der Raw Air Tour und strich das Preisgeld in Höhe von 60.000 Euro ein. Letztlich war es einmal mehr die beeindruckende Konstanz des 23-Jährigen, die ihm nach zweifachem WM-Gold auch zum Raw-Air-Gesamtsieg verhalf. Dabei offenbarte Kraft jedoch, dass auch er nicht frei von Schwächen ist. Als er den Qualifikationssprung in Trondheim verpatzte und nur 27. wurde, schien der Traum vom Gesamtsieg bereits in weite Ferne gerückt. Und auch im alles entscheidenden Finalsprung auf der Flugschanze von Vikersund zeigte er Nerven, nach nur 215 Metern schien die Tür für den Konkurrenten Andreas Wellinger offen zu stehen.

Doch nach insgesamt starken Vorstellungen über die gesamte Tour hinweg, inklusive zweier Einzelsiege, wusste Kraft zum Ende hin auch das Glück auf seiner Seite. Wellinger patzte ungleich schwerer, und der Schützling von Heinz Kuttin durfte über den nächsten großen Erfolg seiner noch jungen Karriere jubeln. “Ich habe gezeigt, dass im Skifliegen alles möglich ist und man bis zum Schluss fokussiert bleiben muss. Jetzt freue ich mich extrem darüber, dass ich der erste Gesamtsieger bin”, sagte Kraft nach dem turbulenten Finale. Am kommenden Wochenende kann er beim Saisonabschluss in Planica seine famose Saison krönen, beim abschließenden Skifliegen greift Kraft erstmals nach der großen Kristallkugel für den Gewinner des Gesamtweltcups.

Wellingers bittere Tränen

Ein bitteres Ende hingegen nahm die Norwegen-Tour für Andreas Wellinger. Seit Wochen befindet sich der 21-Jährige in bestechender Form, lieferte sich mit Stefan Kraft regelmäßig Duelle auf höchstem Niveau. Zusammen waren sie die alles überragenden Skispringer der zweiten Saisonhälfte, im Kampf um den Sieg hieß es oft nur: Kraft oder Wellinger? Meist behielt am Ende der Österreicher knapp die Oberhand, so auch bei den Einzelentscheidungen um WM-Gold in Lahti. Bei der Raw Air jedoch sah es lange Zeit so aus, als sollte sich das Blatt nun endlich zugunsten des jungen Deutschen wenden. Zweimal eroberte sich Wellinger die Führung im Gesamtklassement zurück, nachdem er sie zwischenzeitlich an seinen Dauerrivalen aus der Alpenrepublik hatte abgeben müssen. Im schwarzen Leibchen des Raw-Air-Leader saß Wellinger vor dem letzten und entscheidenden Sprung auf dem Balken des Vikersundbakken und sah einem seiner größten Erfolge der Karriere entgegen. Doch dann machten ihm Nerven und Wind einen Strich durch die Rechnung.

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Mit nahezu beängstigender Konstanz war Wellinger zuvor auf den Schanzen von Norwegen unterwegs gewesen, auf der Monsteranlage von Vikersund unterlief ihm sein erster Fehler – und dieser wurde bitter bestraft. Nur 166 Meter bei wenig Anlauf und fehlender Windunterstützung, der Traum vom Gesamtsieg versank im Tränenmeer. Wellinger, am Ende gar nur Gesamtdritter, wurde zum tragischen Helden, sagte, er sei stinksauer. Seiner Erfolgsserie sollte dies jedoch keinen Abbruch tun. Zu gut präsentierte sich der stets gut gelaunte Bayer heuer bisher, dem in seinem weiteren Karriereverlauf zweifellos noch viele Erfolge zuzutrauen sind. Und dass er Rückschläge wegstecken kann, hat er nicht zuletzt nach seinem fürchterlichen Sturz in Kuusamo vor knapp zweieinhalb Jahren bewiesen.

Stoch holt auf, DSV-Adler stürzen ab

Mehr als zufrieden mit dem Verlauf der Erstausgabe der Raw Air dürfte hingegen der Pole Kamil Stoch gewesen sein. In Lahti war der Vierschanzentournee-Sieger ohne Einzelmedaille geblieben, und auch zu Beginn der neuen Wettkampfserie tat sich Stoch zunächst schwer. Doch dann startete er zur großen Aufholjagd, gewann sowohl die Qualifikation in Trondheim als auch in Vikersund und kürte sich auch beim dortigen Wettkampf zum Tagessieger. Mit seinem 22. Weltcupsieg meldete er sich auch im Kampf um den Gesamtweltcup noch einmal zurück, mit nur noch 31 Punkten Rückstand auf Konkurrent Kraft sind die Chancen, seinen Erfolg aus der Saison 2013/14 zu wiederholen, weiterhin intakt.

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Nicht nur Andreas Wellinger musste zum Ende der Raw Air eine herbe Enttäuschung verkraften, auch für seine Teamkollegen verliefen die Wettkämpfe in Norwegen nicht nach Plan. Dabei konnten die deutsche Mannschaft vor allem zu Beginn der Serie mit überzeugenden Vorstellungen aufwarten. Beim Teamspringen am Holmenkollen in Oslo war nur die Truppe aus Österreich besser, Markus Eisenbichler hielt sich lange Zeit auf dem dritten Rang der Gesamtwertung. Beim abschließenden Skifliegen erlebten die DSV-Adler jedoch einen Totalabsturz, der sich schon mit dem schwachen fünften Rang im Teamfliegen angekündigt hatte und mit schwachen Darbietungen im Einzelwettkampf seine Fortsetzung fand. Einzig Karl Geiger durfte sich am Sonntag noch über ein persönliches Highlight freuen. Mit einem famosen Flug auf 239 Meter steigerte er seine eigene Bestmarke und jubelte hinterher: “Das war zum Genießen, einfach Hammer.” Bei Eisenbichler und Richard Freitag diagnostizierte Bundestrainer Schuster hingegen fehlendes Selbstvertrauen: “Und ohne Selbstvertrauen kann man nicht Skifliegen.”

Johansson und Kraft schrauben am Weltrekord

Zum Genießen war auch das tags zuvor ausgetragene Teamfliegen. Die Zuschauer sahen reihenweise Flüge über die 240-Meter-Marke, der Wettkampf entwickelte sich zu einer spektakulären Weitenjagd. Robert Johansson sorgte dabei für das vorläufige Highlight: Nach einem super Flug hatte der Norweger selbst im unteren Landebereich noch einen extrem hohen Luftstand und setzte schließlich erst bei unglaublichen 252 Metern zur Landung an. Neuer Weltrekord, die gut zwei Jahre alte Bestmarke von Landsmann Anders Fannemel nochmal um einen halben Meter überboten. Doch selbst das sollte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Nur wenige Minuten später setzte Stefan Kraft tatsächlich noch einen drauf, segelte auf 253,5 Meter und ließ nach dem Rekordflug seinen Gefühlen freien Lauf: “Das war einfach genial, für so etwas beginnt man mit dem Skispringen.”

Hofer mit positivem Fazit und Änderungen

Nicht zuletzt wegen der Weltrekorde fiel auch das Gesamtfazit nach der ersten Ausgabe der Raw Air überwiegend positiv aus. Insbesondere die Organisation der aufwendig durchgeführten Wettkampfserie wurden sowohl von den Athleten als auch von Seiten der FIS gelobt. “Die Veranstalter haben einen super Job gemacht, die Tour wurde exzellent vorbereitet und durchgeführt”, war der Renndirektor Walter Hofer entsprechend erfreut. Das Gesamtkonzept, in welchem sowohl die Qualifikationssprünge als auch alle Sprünge der Teamwettkämpfe in die Einzelwertung hinzuzählen, kommt gegenüber der traditionellen Vierschanzentournee als erfrischende Alternative daher.

Noch sei nicht alles perfekt, “für die Zukunft müssen wir uns Gedanken über eine Anpassung der Startzeiten machen”, sagte Hofer ob des intensiven Programms. Im kommenden Jahr sollen die Startzeiten demnach erst am späten Abend angesetzt werden.

Norweger wieder Weltklasse

Auch auf sportlicher Ebene konnten zahlreiche Athleten die Tour nutzen, um zum Ende der Saison noch einmal auf sich aufmerksam zu machen. Vor allem die norwegische Mannschaft bestätigte ihre zuletzt aufsteigende Formkurve beim siegreichen Teamfliegen in Vikersund eindrucksvoll, zudem mischte Andreas Stjernen lange Zeit im Kampf um die Top drei der Gesamtwertung mit. Am Ende wurde es starker Vierter. Auch Teamkollege Johann Andre Forfang meldete sich nach zwischenzeitlichem Tief in der Weltspitze zurück und beendete die Raw Air Tour auf Platz sechs. Für ein echtes Highlight sorgte zudem Skisprung-Opa Noriaki Kasai. Trotz seiner inzwischen 44 Jahre erzielte der Japaner mit Platz zwei beim Fliegen in Vikersund die insgesamt 62. Podestplatzierung seiner Karriere, mit einem Versuch auf 241,5 Meter verbesserte er zudem seine persönliche Bestweite. Selbst Superlative werden den Leistungen dieses Mannes allmählich kaum noch gerecht.

» Gesamtwertung: Raw Air 2017

Doch nicht für alle nahm die neue Wettkampfserie einen optimalen Verlauf. Gregor Schlierenzauer beispielsweise, der in dieser Saison bereits zwei Verletzungscomebacks hinter sich hat, kämpfte sich eher schlecht als recht durch die Tour. Ausreißer nach oben blieben aus, der Österreicher nutze die Wettbewerbe im Hinblick auf die Olympiasaison 2017/18 eher als Trainingsmöglichkeit. Auch der Deutsche Andreas Wank durfte sich nach dem verpassten WM-Ticket wieder einmal in der Weltcup-Mannschaft von Werner Schuster präsentieren. Überzeugen konnte der 29-Jährige dabei jedoch nicht. Nur in Trondheim schaffte er es in den zweiten Durchgang, ansonsten musste sich Wank mit Platzierungen jenseits der Top 30 begnügen.

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