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Damen-Bundestrainer Andreas Bauer: "Der Aufwand ist dieses Jahr enorm"

Verletzungspech, ausgedünnter Kalender und lange Fahrten, selbst zum Training: Das ist der Alltag für Andreas Bauer. Über dessen Vor- und Nachteile spricht der Damen-Bundestrainer mit skispringen.com.

Ramona Straub, Carina Vogt und Anna Rupprecht sind verletzt, Gianina Ernst befindet sich erst im Aufbautraining und mit Luisa Görlich und Svenja Würth kamen zwei Springerinnen nach Kreuzbandriss erst zurück. Der Fundus an Springerinnen, aus dem Damen-Bundestrainer Andreas Bauer derzeit schöpfen kann, ist wahrlich kein großer. Neben dem Verletzungspech gibt es aber noch weitere Herausforderungen, denen sich der erfahrene Coach stellen muss. Welche Chancen diese aber auch bieten und, wie man der Verletzungsflut vielleicht entgegen könnte, hat er skispringen.com-Redakteur Luis Holuch im Exlusiv-Interview verraten.

Herr Bauer, der Sommer-Grand-Prix der Damen umfasste drei Einzel- und ein Mixed-Teamspringen an drei Wettkampforten. Wie stehen Sie zu dieser Zahl?

Andreas Bauer: Erst mal bin ich sehr froh, dass es in Hinterzarten zwei Wettkämpfe waren und das Mixed im Programm war. Mir wurde auf der Trainerklausur berichtet, dass das Mixed-Springen bei der WM in Seefeld nämlich die besten Einschaltquoten im TV hatte. Das war ein spannender und guter Wettkampf. Es ist schön, dass der nicht nur bei einem Großereignis stattfindet, sondern eben auch im Sommer-Grand-Prix. Ich fände es persönlich schön, wenn er dann auch mal wieder im Weltcup stehen würde. Natürlich wäre es anzustreben, noch ein viertes oder fünftes Wochenende im Kalender zu haben. Ich bin allerdings ein Trainer, dem so viele Wettkämpfe im Sommer gar nicht so recht sind. Ich bin der Meinung, dass wir die Trainingsphasen brauchen. So gesehen kam mir die Planung gar nicht so ungelegen, da ich mehr Zeit fürs Training zur Verfügung habe.

Das heißt, der Stellenwert dieser Wettkämpfe ist für Sie gar nicht anders als beispielsweise im Vorjahr, wo es sieben Springen gab?

Bauer: Nein, das nicht. Mein Standpunkt war und ist: Es ist nicht mehr als eine Standortbestimmung zwischendurch. Man sieht auch die Konkurrenz mal und kann sich mit ihr messen und hat eine ungefähre Ahnung, wo man steht. Und man stellt auch fest, ob die grundsätzliche Richtung passt. Mehr aber eben auch nicht. Die wirklich wichtigen Wettkämpfe sind dann die Weltcups, die Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele. Auf die gilt es sich zu fokussieren und vorzubereiten.

Kommt es dann überhaupt in Frage, Wettkämpfe wie die beiden Continental Cups in Lillehammer und Stams mitzunehmen?

Bauer: Für die Weltcupmannschaft nicht. Dort werden dann die jüngeren Springerinnen zum Einsatz kommen. Sie sollen sich über diese Art Wettkämpfe entwickeln und auch anbieten. Da wiederum hat der Sommer ja einige zu bieten – und das auch bis Mitte Oktober.

Das Mixed bei der WM in Seefeld war ein spannender und guter Wettkampf. Ich würde mir es auch mal im Weltcup wünschen.

Sie haben schon die Wichtigkeit der Trainingsphasen angesprochen. Haben Sie und ihre Springerinnen einen Nachteil dadurch, dass die Arena in Oberstdorf seit Frühjahr im Umbau ist und dementsprechend nicht genutzt werden kann?

Bauer: Ich sage es mal so: Es ist generell schon nervig, wenn solche Anlagen nicht zur Verfügung stehen, weil sie umgebaut werden. Jetzt hatten wir zu allem Überfluss dasselbe mit Garmisch-Partenkirchen. Wenn man für jede Trainingseinheit minimum drei Stunden fahren musst, ist das schon ungünstig. Natürlich machen wir unsere Lehrgänge, unser konzentriertes Training, wo dann alle zusammenkommen. Aber für die tagtägliche Trainingsarbeit unter der Woche fällt uns der Vorteil, dass wir in fünf Minuten von Haustür zum Schanzenturm kommen, weg. Der Aufwand ist dieses Jahr um einiges größer.

Ein kleiner Vorgriff auf den Winter: Der Kalender für den Weltcup sieht ja schon etwas anders und ausgedünnter aus als noch in der Vorsaison. Inwieweit kann man trotzdem als Gesamtheit weiter Fortschritt machen? Oder bremst so etwas die Entwicklung sogar?

Bauer: Zunächst muss ich sagen, dass es schade ist, dass Iron Mountain nach der FIS-Konferenz im Juni wieder rausgefallen ist. Darauf hatten wir uns schon sehr gefreut. Es wäre ja auch eine neue Ausrichternation hinzugekommen, auch für die USA ist das ja schade. Auf der anderen Seite ist es auch verständlich, dass man dann Schwierigkeiten hat, dafür wieder Ersatz zu finden.

Sie gehen also nicht davon aus, dass auf der Herbstkonferenz im Oktober ein anderer Ausrichter einspringen wird?

Daran glaube ich nicht. Das sind längere Prozesse und auch Verträge, die da abgestimmt und abgeschlossen werden müssen. Es hängt ja schon viel dran, allein für die Fernsehanstalten. Wie gesagt, in Bezug auf Iron Mountain war es einfach schade. Aber wir haben am Ende des Winters mit der Raw Air und auch der Blue Bird wieder zwei Highlights, was beides ein Erfolg war in der letzten Saison. Wenn wir das, genauso wie die Zahl an Großschanzen-Wettkämpfen fest verankert haben, sind wir schon mal ein großes Stück weiter.

Zu einem unschönen Thema würde ich Sie gerne noch befragen. Ihr Team, wie auch einige andere, war und ist ja immer noch von einigen schweren Verletzungen gebeutelt. Haben Sie einen Erklärungsansatz warum und wie sich gerade Kreuzbandrisse häufen, und, wie man da gegensteuern könnte?

Bauer: Wir haben uns natürlich mit dem Thema beschäftigt, es ist sehr komplex. Da muss man auch viele Leute am Tisch haben, von den Medizinern angefangen. Alle Leute in der FIS – und mich mit eingeschlossen, denn ich sitze ja in der Materialkommission – sollten die nächste Zeit nutzen und mit diesem Thema sehr sensibel umgehen. Wir werden im Oktober bei der Sitzung die Universität Oslo mit ihrem Zwischenbericht hören. Die Wissenschaftler dort haben in den vergangenen fünf Jahren so ziemlich alles an Verletzungen im Skispringen in Studien und Forschungen erforscht und aufgearbeitet. Und daraus müssen wir die richtigen Schlüsse und Modifikationen ziehen und dann Maßnahmen in die Wege leiten. Ein gar nicht so kleiner Punkt, der da sicher mit reinspielt, ist der Umstand, dass man generell sehr weit springen lässt. Man lässt bei den Männern fast immer über Hillsize springen. Bei den Damen gab es vor zwei Jahren mal die Maßgabe, um die 95 Prozent der Hillsize springen zu lassen, aber daran hält sich mittlerweile fast niemand mehr. Das finde ich persönlich sehr schade, da würde ich ansetzen. Das wäre eine kurzfristige Maßnahme: Einfach die Wettkampfführung etwas defensiver gestalten.

Wir alle sollten mit dem Thema Knieverletzungen sehr sensibel umgehen und abwägen, welche Hebel wir in Bewegung setzen.

Das wäre also der Hebel, den man am schnellsten bewegen könnte. Ich als Nicht-Mediziner denke mir, dass es ja nicht nur eine Ursache gibt, sondern, dass es verschiedene Faktoren sind, die so eine Verletzungsflut (Mehr als 30 Kreuzbandrisse seit der Einführung des Weltcups 2011, Anm. d. Red.) auslösen.

Bauer: Genau. Bei allem anderen muss man auch die Meinungen der Mediziner anhören und einbeziehen. So oder so: Man muss insgesamt sehr sensibel abwägen, wo man den Hebel im Regelwerk oder im Materialbereich ansetzt.

Das will wohl überlegt sein, denn sonst fehlen permanent Top-Springerinnen…

Bauer: Ja, richtig. Irgendwann ist es dann auch eine Imagefrage. Nehmen wir Martin Schmitt als Beispiel: Ohne Zweifel ist dem Deutschen Skiverband mit seiner Verpflichtung als Talentscout ein Coup gelungen. Aber es gilt ja nicht nur, die Besten eben herauszupicken, sondern man muss ja heutzutage auch das Umfeld, insbesondere die Eltern davon überzeugen, dass das Kind dann Leistungssport betreiben sollte. Es ist eine andere Generation als noch vor einigen Jahren, als die Kinder noch viel draußen in der freien Natur waren und sich mehr bewegt haben. Jetzt ist die digitale Welt da und viele sitzen vor der Spielkonsole, dem Computer oder dem Smartphone. Da muss man heute mehr Überzeugungsarbeit denn je leisten. Da ist so eine Sportlerpersönlichkeit wie eben Martin Schmitt für uns goldwert.

Meine Nachfrage rührte auch daher, dass ich den Eindruck hatte, dass das Thema Knieverletzungen im Ski Alpin ernster genommen wurde als im Skispringen.

Bauer: Ja, das ist verständlich. Aber ich denke, wir sind da auf einem guten Weg und ich glaube, dass die ganzen Gremien mittlerweile mit dem Thema deutlich sensibler und gewissenhafter umgehen. Wir gehen jetzt Schritt für Schritt in die Zukunft und werden dann sehen, was infolge der Herbstkonferenz dann im nächsten Frühjahr passiert.

Ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch!

Unmittelbar vor der Veröffentlichung dieses Interviews fand im Olympiaort von 1994 Lillehammer ein Camp für Skispringerinnen statt. 30 Teilnehmerinnen aus acht Nationen (Norwegen, USA, Deutschland, Polen, Tschechien, Japan, China, Italien und Schweiz) nahmen daran teil. Das vom Lillehammer Olympic Legacy Sports und dem norwegischen Skiverband organisierte Programm diente vorrangig der Trainings- und Belastungssteuerung im Hinblick auf die Verletzungsprävention. Auch Olympiasiegerin Maren Lundby und der Cheftrainer der norwegischen Damen Christian Meyer waren zwei der vier Tage vor Ort.

Beaufsichtigt und durchgeführt wurden die Athletikeinheiten von Ex-Skispringerin Line Jahr, die auch die verantwortliche Trainerin des „Prosjekt 2022“ ist, indem junge Nachwuchshoffnungen für Olympia 2022 in Beijing betreut werden. „Ich habe mich auf die Beweglichkeit und Stabilität im Hüft- und Kniebereich konzentriert. Auch die Oberschenkelmuskulatur war ein Schwerpunkt, vor allem wenn es ums Thema Landung geht“, sagte Jahr am Rande des Trainings. Mit Sarah Hendrickson war die Weltmeisterin von 2013 nicht nur Teilnehmerin des Camps, sondern auch Übungsleiterin.

„Ich habe während meiner vielen Rehas nach meinen Knieverletzungen viele Übungen gesammelt, die die Gesäßmuskulatur und auch die Knöchel stärken. Das hilft uns bei der Verletzungsvorbeugung. Wir haben die Teilnehmerinnen in drei Gruppen eingeteilt, für jede ist abwechselnd ein Coach mit unterschiedlichen Fachbereichen zuständig“, führte die Gesamtsiegerin von 2011/2012 aus. „Somit bekommen alle Dinge an die Hand, die sie dann in ihren Trainingsalltag einbinden können. Manche wissen jetzt schon mehr als andere und es ist gut, dass wir unser Wissen untereinander teilen, damit wir Verletzungen zukünftig besser vorbeugen können“, bilanzierte die US-Amerikanerin.

Über Luis Holuch 69 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig.

2 Kommentare

  1. Die deutschen Springer/Springerinnen sind von Kreuzbandrissen derzeiten stark betroffen. In keiner anderen Nation gibt so viele Fälle. Das macht mich nachdenklich. Alles Zufall oder was?

  2. Ich frage mich inzwischen ernsthaft warum sowohl im Frauen- als auch im Herrenbereich im deutschen Team soviel Knieverletzungen wie Kreuzbandrisse etc. passieren wie in keinem anderen Team…das muss doch Ursachen haben… soviel „Pech“ kann nicht sein.

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