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Rechenfehler: Großschanzen-Ergebnis der Damen muss korrigiert werden

Foto: imago / Eibner

24 Stunden nach dem Großschanzen-Einzel der Damen bei der Nordischen Ski-WM in Planica herrscht Aufruhr: Das Ergebnis muss nachträglich korrigiert werden. Wie es dazu kam und was die Folgen sind.

Ein ‚Twitter‘-Posting eines Statistikers sorgt für eine Korrektur eines hochoffiziellen Ergebnisses bei einer Weltmeisterschaft – was wie fantasievolle Fiktion klingt, wurde in Planica (Event-Übersicht mit Zeitplan & Infos) waschechte Wirklichkeit. Wie nach einem Rechenfehler das Ergebnis des Damen-Einzels von der Großschanze korrigiert werden musste, was sich in der Ergebnisliste änderte und wie es dazu überhaupt kam.

Es war Mittwochabend, 18:32 Uhr. An der Bloudkova Velikanka (HS 138) zu Planica bereiten sich die 30 Final-Teilnehmerinnen auf ihren zweiten Sprung des Großschanzen-Einzels vor. Mittendrin: Maren Lundby und Alexandria Loutitt. Beide liegen punktgleich nach dem ersten Sprung auf dem ersten Platz. Aufgrund ihrer schlechteren Platzierung im Gesamtweltcup und der daraus resultierenden niedrigeren Startnummer stand fest, dass Lundby ihren Finalsprung vor Loutitt absolvieren muss. In Polen sitzt derweil ein Statistiker vor dem Bildschirm und rümpft lesbar die Nase.

Polnische Journalisten konfrontieren FIS-Jury

„Wie ist es möglich, dass es gestern für einen Wechsel aus Gate 20 noch 5,1, 10,2 und 15,4 Punkte gab und heute 5,3, 10,4 und 15,6 Punkte?“, fragt sich Tomek Golik und teilt seine Gedanken auf ‚Twitter‘. Als Beleg dazu teilt er die Links zum Trainingsergebnis am Tag zuvor und dem Resultat des ersten Durchgangs, wo diese Unregelmäßigkeit bei genauerem Hinsehen auch ins Auge sticht. Goliks Kopf ist schon wieder einen Gedanken weiter. „Wenn es offensichtliche Fehler in so einer einfachen Sache gibt, was soll man dann von den Haltungsnoten und Windpunkten halten, die unmöglich zu überprüfen sind?“, fragt er. Rein rhetorisch, aber sicherlich nicht unbegründet.

1.435 Follower hat der Pole im sozialen Netzwerk – eine kleine, aber eingefleischte Gemeinde. Journalisten von ‚TVP Sport‘ konfrontierten die Jury des Internationalen Skiverband (FIS) mit den Unregelmäßigkeiten. Der Technische Delegierte Hubert Mathis stellte sich und entgegnete: „Selbst wenn es einen Fehler gab, zog er sich durch den ganzen Wettkampf und beeinflusste nicht die Ergebnisse und die Reihenfolge der Platzierungen.“

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Unrecht hat Mathis mit seiner Äußerung freilich nicht: Keine Springerin wurde dadurch bevorteilt oder benachteiligt, weil die falsch angewandten Punkte der Gate-Kompensation für alle betreffenden 16 Springerinnen gleich waren. Auf der Großschanze in Planica beträgt der Gate-Faktor 7,45 Punkte pro Meter. Eine Verkürzung von Gate 20 auf 19 sind 68 Zentimeter, somit 5,066 respektive aufgerundet 5,1 Punkte, die hätten berechnet werden müssen. Stattdessen wurden aber 5,3 Punkte verbucht, wie auch Daten-Dienstleister ‚Swiss Timing‘ einsah.

Zweiter Rechenfehler bei einer Nordischen Ski-WM

24 Stunden nach dem Wettkampf wurde die offizielle Ergebnisliste schließlich korrigiert, am Freitag will Mathis nochmal Stellung zu den Vorkommnissen nehmen. Tomek Golik, der am Donnerstag aus seiner Heimat nach Kranjska Gora fuhr, um das letzte WM-Wochenende live vor Ort mitzuerleben, konnte gegenüber skispringen.com bereits jetzt aufklären, wie er dem Fehler auf die Schliche kam: „Als ich die Daten vom gestrigen Wettkampf in meiner Excel-Datei eingetragen habe, habe ich bemerkt, dass die Punkte für verkürzten Anlauf anders als vor einem Tag sind, weil die Formel nur einen Fehler anzeigte.“

In erster Linie sei er froh, dass nicht nur Alexandria Loutitt, Maren Lundby und Katharina Althaus ihre ersprungenen Medaillen behalten dürfen und auch das restliche Ergebnis nicht durch diese Panne beeinflusst wurde. „Man stelle sich mal vor, dass die Siegerin mit 0,1 Punkten gewonnen hätte und dann stellt sich heraus, dass es einen Fehler bei den Gate-Punkten gab und eigentlich eine andere gewonnen hätte.“ Überwältigt von der Dynamik der Ereignisse war der Entdecker aber dennoch: „Ich konnte nicht wissen, dass die ganze Skisprungwelt darüber sprechen wird.“

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Einen vergleichbaren Fall gab es bereits 2013 im Team-Wettkampf der Herren bei der Weltmeisterschaft in Val di Fiemme. Seinerzeit bekam das zweitplatzierte norwegische Team 6,7 Gate-Punkte zu viel gutgeschrieben. Dies fiel Thomas Morgenstern auf, der seinen Verband zum Protest animierte. Und das, obwohl Österreich als Sieger des Springens davon gar nicht profitierte. Schlussendlich verlor Norwegen Silber, Deutschland und Polen rückten auf Rang zwei und drei vor und Morgenstern bekam von Piotr Zyla, der dadurch seine erste WM-Medaille einfuhr, ein Fläschchen Sekt versprochen.

Zweiter Fall auf höchster Ebene im Damen-Bereich

Bei den Skispringerinnen lief bis dato mit einer Ausnahme alles glatt: Vor fast genau drei Jahren wurde Silje Opseth beim Weltcup in Lillehammer bereits zum Sieg gratuliert, ehe sie ihn eine halbe Stunde später wieder verlor. Bereits im ersten Durchgang sprang Maren Lundby nach einer Entscheidung von Trainer Christian Meyer aus einer Luke tiefer als ihre Kontrahentinnen. Um die erhoffte Punktgutschrift zu erhalten, musste sie mindestens 133 Meter springen und übertraf diese Weite auch, und zwar um einen Meter. Die fälligen Pluspunkte erhielt sie aber nicht, sodass sie zunächst hinter Opseth im Klassement landete und somit als Zweite geführt wurde.

Anders als nun in Planica wurde der Fehler deutlich schneller korrigiert, sodass das Ergebnis und damit auch die Siegerehrung korrekt durchgeführt werden konnte. Dass beide Springerinnen sich im Anschluss aber so unwohl fühlten, dass sie in Tränen ausbrachen, verhinderte dies aber nicht. Verdenken konnte man es Opseth, die ihren sichergeglaubten ersten Weltcupsieg so wieder verlor, und ihrer einfühlsamen Teamkollegin nicht. Szenen wie diese blieben allen Beteiligten in Planica glücklicherweise erspart.

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Über Luis Holuch 525 Artikel
Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig. Kommentierte den offiziellen Live-Stream der Junioren-WM 2020, sowie die FIS-Classics-Serie und die Continentalcup-Finals der Nordischen Kombination.

7 Kommentare

  1. Es ist sehr schwer einen Sprung gerecht zu benoten. Auch Punktrichter sind Menschen mit Emotionen. Sollte ein Punktrichter mehr als 3 Punkte bei einem Sprung außer dem Mittel der anderen liegen sollte er für die gesamte Saison gesperrt werden.

  2. Warum bekommt Stefan Kraft ständig bessere Haltungsnoten als z.b. Andreas Wellinger? Auch wenn Kraft kein perfekten Telemark macht

    • Oh ja, bei Stefan Kraft und auch Stoch ist das extrem auffällig.

      Schade, ich dachte, sie hätten den „Fehlgriff“ von Lundby noch korrigiert.

    • Die Deutschen werden fast immer schlechter Bewertet, durchwegs. Weil die Bewertung, durch eine Sympatiebrille von statten geht. Die hören nur den Namen,ist der Finger schon vorprogrammiert. Macht immer weniger Spaß zum anschauen. Im Eurosport hat das Herr Schusters auch schon angesprochen .

      • Da hast du Recht mit der schlechteren Bewertung und unsere Journalisten reden das auch noch schön. Deutschland ist nur Zahlemann bei allem

  3. Was soll denn dieser eingeschibene Satz bezüglich Twitter? Ich dachte hier geht es um Skispringen und nicht darum Wertungen zu Social Media Plattformen zu posten.

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