Severin Freund: „Extrem großer Wille in der Mannschaft“

Wenige Tage vor dem Weltcup-Auftakt in Klingenthal spricht Severin Freund bei skispringen.com über die zurückliegenden Erfolge und kommenden Ziele, Tennismatches mit Teamkollege Neumayer und seine Karriereplanung.

In der Olympia-Saison 2013/2014 war Severin Freund der konstanteste deutsche Skispringer. Nach dem Olympia-Sieg in Sotschi sicherte sich der inzwischen 26-Jährige auch den Skiflug-Weltmeistertitel – nun startet er als größter Hoffnungsträger in die WM-Saison. Im exklusiven Interview mit skispringen.com-Chefredakteur Marco Ries spricht Freund über seine Vorfreude auf den Winter, den Auftakt in Klingenthal, die Saisonvorbereitung in Spanien und seine Karriereplanung.

Severin, die Saisonvorbereitung auf Matten ist abgeschlossen, die ersten Schneesprünge stehen bevor. Wie groß ist die Vorfreude auf die weiße Jahreszeit?

Severin Freund: Sehr groß! Wir brauchen das wirklich, dass wir im Sommer auf Matten springen können, das ist sehr wertvoll für das Training. Aber trotzdem sind die ersten Sprünge auf Schnee nochmal etwas ganz anderes. Da ist die Vorfreude natürlich groß.

Die vergangene Saison hätte für die deutsche Mannschaft kaum besser verlaufen können. Wie blickst du der Zukunft entgegen?

Freund: Ich glaube, dass der Olympiasieg im Team – das war der erste große Titel, den wir als Mannschaft geholt haben – sicher nicht der letzte gewesen sein muss. Wir haben einen extrem großen Willen in der Mannschaft und es sind genügend Springer dabei, die noch hungrig sind und genau wissen, was sie drauf haben. Wir haben im Sommer wieder gesehen, dass jeder von uns Sprünge machen kann, mit denen er ganz vorne dabei ist. Ich glaube, dass es sehr schöne Jahre werden können, aber natürlich schlafen die anderen Nationen nicht. Wir müssen konsequent weiterarbeiten, den guten Spirit beibehalten und können dann weiterhin große Erfolge feiern.

Bundestrainer Werner Schuster will bei der Vierschanzentournee 2014/2015 um einen Sieg mitspringen und nennt dich als einen der deutschen Kandidaten. Traust du dir das auch zu?

Freund: Die Vierschanzentournee ist in jedem Winter ein besonderes Ziel und klar traue ich mir auch zu, um den Sieg mitzuspringen, das Potenzial dafür habe ich. Allerdings kann man grundsätzlich nicht planen, einem bestimmten Wettkampf zu gewinnen – stattdessen muss man versuchen, so gut wie möglich zu trainieren und zu timen, damit man in der Form ist, gewinnen zu können. In Sotschi war ich in einer extrem guten Form, aber im Einzel hat es dennoch nicht gereicht. Eine Garantie auf eine Medaille wird es im Skispringen nie geben – selbst wenn man in der Form seines Lebens ist. Wir haben die letzten Jahre analysiert und Konsequenzen gezogen, um in einer guten und vor allem stabilen Form zur Tournee zu kommen. Wenn man dazu das nötige Glück hat und alles richtig macht, kann man um den Sieg mitspringen.

In den vergangenen Jahren konntet ihr die in der Vergangenheit dominanten Österreicher ein paar Mal ärgern. Wird das auch in der kommenden Saison gelingen?

Freund: Wir hoffen es. Auch der Nationencup am Ende des Jahres ist immer noch ein Ziel, das steht. Da waren wir schon oft zu Beginn der Saison ganz vorne dabei, am Ende ist uns aber immer etwas die Luft ausgegangen. Hier wollen wir in diesem Jahr wieder angreifen. Wir sind eine Mannschaft, die sowohl die Klasse als auch die Masse an guten Springern hat, aber es muss trotzdem jeder seinen Job machen.

Wird man durch die Erfolge, die du in der letzten Saison mit Team-Gold bei Olympia und Einzel-Gold bei der Skiflug-WM gefeiert hast, noch stärker?

Freund: Ja, auf jeden Fall. Es ist zwar nicht so, dass man den Titel per se bräuchte, um sich weiterzuentwickeln, aber wenn man weiß, solche Dinge geschafft zu haben, dann gibt es ein gutes inneres Gefühl – weil man weiß, wie es dazu gekommen ist, wie man es gemacht hat und wie man es vielleicht wieder zurückholen kann. So hat man gewisse Ankerpunkte, die in der Vergangenheit funktioniert haben und auf die man sich in Zukunft verlassen kann.

Was fühlst du, wenn du rückblickend die Bilder von den Erfolgen der vergangenen Saison wieder siehst?

Freund: Es wird immer eine schöne Erinnerung bleiben, aber die Zeit kann man sowieso nicht einfangen. Das was in diesem Moment passiert, läuft sowieso an einem vorbei – man ist wahnsinnig euphorisch, es ist ein wahnsinnig emotionaler Moment. Aber ich halte nichts davon, in Erinnerung an vergangene Wettkämpfe zu schwelgen, sondern ich schaue lieber nach vorne. Nichtsdestotrotz, Olympiasieger bleibt man und es war ein unglaublich schönes Erlebnis.

Wie in den vergangenen Jahren hat sich die deutsche Mannschaft unter der spanischen Sonne auf die Saison vorbereitet. Wie kann man sich das vorstellen?

Freund: In Spanien haben wir uns auf das Athletiktraining konzentriert. Natürlich könnte man das auch ganz normal Zuhause machen, aber es ist schon etwas anderes, wenn man als Team zusammen weg vom gewohnten Umfeld in den Süden geht, wo es noch etwas wärmer ist und wo man Sonne tanken kann. Zumindest ich bin dabei noch fokussierter auf das Training, man gibt einfach noch ein paar extra Prozent. Es war an der Zeit, sich vor der Saison wirklich nochmal einen Reiz zu setzen. Neben den normalen Athletikeinheiten haben wir viel Tennis gespielt.

Und wer hat gewonnen?

Freund: Das war eine klare Angelegenheit. Michael Neumayer war überragend, aber er hat auch von klein an bis zu seinem 24. Lebensjahr in der Mannschaft Tennis gespielt – daher war das wenig überraschend. Aber er hat uns weitergeholfen und uns viel beigebracht. Ansonsten haben wir uns alle auf einem ähnlichen Niveau bewegt.

Im Tennis hast du dich in diesem Sommer also weiterentwickelt. Hast du auch im Skispringen noch einzelne Stellschrauben gefunden, an denen du gedreht hast?

Freund: Es gibt genügend Sachen, die man verbessern kann. Wenn ich einen oder mehrere Sprünge aus dem letzten Winter sehe, sind sehr wenige genau so, wie ich sie mir vorstellen. Wenn ich suchen würde, dann würde ich wahrscheinlich in jedem Sprung einen Fehler finden. Trotzdem muss man immer wissen, was den Sprung zu diesem Zeitpunkt stark gemacht hat – denn fehlerfrei Ski zu springen kann man im Leben sowieso nur ganz selten. Ich konnte in diesem Jahr athletisch nochmal nachlegen, dadurch ist alles ein bisschen einfacher. Auch der Rücken hat mir in diesem Jahr keine Probleme gemacht. Es wird immer besser, ich kann richtig trainieren und bin auf einem guten Weg.

Nun steht der Auftakt in Klingenthal vor der Tür. Verleiht es zusätzlich Vorfreude, dass man vor heimischem Publikum in die Saison startet?

Freund: Es ist für uns auf jeden Fall sehr angenehm, wenn wir als erste Reise und ersten Weltcup eine Schanze haben, die wir kennen, die vertraut ist, wo man nicht wahnsinnig weit anreisen muss und wo das gesamte Umfeld gewohnter ist. Aber die anderen kennen die Schanze mittlerweile genauso gut. Es wäre schön, wenn Klingenthal einen schöneren Wettkampf als im letzten Jahr geboten bekommt. Dafür drücken wir alle Daumen – und für uns heißt es, das Beste daraus zu machen.

Mit 26 Jahren bist du inzwischen einer der älteren Skispringer innerhalb der jungen DSV-Mannschaft. Deutlich älter ist der japanische Silbermedaillen-Gewinner von Sotschi, Noriaki Kasai, der mit 42 Jahren in seine nächste Saison startet. Was erwartest du vom Skisprung-Oldie?

Freund: Dass er immer noch sehr gut skispringen kann, ist kein Geheimnis. Ich glaube auch, dass er athletisch die letzten Jahre besser drauf war, als man es vielleicht gedacht hat. Er macht sicher nicht alles über das Fluggefühl, denn das geht im Jahr 2014 nicht mehr. Es ist auf jeden Fall sehr spannend, weil er eine andere Philosophie als bei uns in Europa hat. Jede Sportart braucht solche Typen, die einfach extrem sind und damit auch begeistern.

Was hast du für einen Horizont?

Freund: Auf jeden Fall nicht seinen. Ich hab keine konkrete Planung, wie lange ich skispringen werde. Aber ich traue mir zu sagen, dass es nicht für alle Ewigkeit sein wird, sondern dass ich schon noch etwas anderes in meinem Leben machen will.

Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der kommenden Saison.

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