DSV-Teammanager

Horst Hüttel im Interview: „Die Skisprungfamilie hat in dieser schwierigen Zeit zusammengehalten“

Foto: imago / Nordphoto

Nach dem Weltcup-Finale in Planica spricht Horst Hüttel im Interview über die zurückliegenden Monate einer schwierigen, aber erfolgreichen Corona-Saison. Der Teammanager der Skispringer äußert sich auch zur Nachfolge von Damen-Bundestrainer Bauer.

Herr Hüttel, für den Skisport ging Ende März eine sehr außergewöhnliche Saison zu Ende. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Horst Hüttel: Es war hinsichtlich der Rahmenbedingungen sicher die schwierigste Saison, die der Skisprungsport erlebt hat. Dennoch ist es unserer Sportart gelungen, fast alle Wettkämpfe wie geplant durchzuführen. Hier muss man den Verantwortlichen der FIS ein ebenso großes Lob aussprechen wie den weltweit agierenden Organisatoren und Verbänden. Aber auch die gesamte internationale Skisprungfamilie mit all ihren Athleten und Betreuern hat in dieser schwierigen Zeit zusammengehalten und überwiegend konsequent und verantwortungsvoll gehandelt.

In anderen Wintersportdisziplinen verlief die Saison nicht so reibungslos. Beispielsweise im Skilanglauf haben etliche Nationen wie Norwegen und Schweden wichtige Weltcups, wie auch die Tour de Ski boykottiert. Wie stehen Sie zu diesen Maßnahmen?

Hüttel: Ich kenn nicht alle Hintergründe, denke jedoch, dass hier die handelnden Akteure ihrer Sportart keinen Gefallen getan haben und sie sich auch in gewisser Hinsicht von der FIS und der Gemeinschaft isoliert haben. Vorsicht ist und war immer Gebot der Stunde, aber Rückzug oder Boykott suggerieren nach außen hin ein Stückweit Hilflosigkeit und Ohnmacht. Soweit sollte und musste es aber nicht kommen und viele Sportarten haben auch bewiesen, dass trotz der Pandemie Spitzensport auf höchster Ebene möglich war.

Wie beurteilen Sie leistungsmäßig die zurückliegende Saison des deutschen Männer-Teams?

Hüttel: Grundsätzlich können wir mit der Saison extrem zufrieden sein. Wir konnten alle drei Saisonhöhepunkte mit Skiflug-WM, Vierschanzentournee und Nordischer Ski-WM sehr erfolgreich gestalten. Karl Geiger hat bei insgesamt sechs WM-Einsätzen sechs Medaillen gewonnen, davon drei in Gold, das ist historisch einzigartig. Markus Eisenbichler ist nach seiner sechsten Goldmedaillen im Teamspringen nun der erfolgreichste deutsche Skispringer der WM-Geschichte. Besonders haben mich auch die WM-Titel für Severin Freund und Pius Paschke gefreut, da der Weg dorthin für beide alles andere als einfach war. Wir mussten zwar auch in den Wochen vor der WM eine gewisse Durststrecke mit weniger guten Ergebnissen überstehen, aber das Trainerteam hat auch in dieser schwierigen Phase die Ruhe bewahrt und am Ende die richtigen Entscheidungen getroffen.

Mit Karl Geiger hat in dieser Saison erstmals seit 20 Jahren wieder ein deutscher Skispringer den Skiflug-Weltcup für sich entschieden. Wurde hinsichtlich des Skifliegens im DSV hier ein Schwerpunkt gelegt?

Hüttel: Nein, nicht direkt. Man darf ja auch Seitens der FIS Skifliegen abseits des Weltcups gar nicht trainieren. Wenn man dies möchte, müsste man extra einen Antrag stellen. Wann hätten wir dies auch zeitlich reinpacken sollen? Ich sehe diese positive Entwicklung als Produkt einer Gesamtentwicklung der beiden genannten Sportler. Markus war ja bekanntermaßen schon immer ein guter Flieger und er wurde auch schon vor zwei Jahren Zweiter im Skiflug-Weltcup. Er, aber vor allem auch Karl konnten hier im letzten Jahr entscheidende Dinge generell für sich persönlich weiterentwickeln und dies ist für mich der entscheidende Punkt. Dass dies nun auch auf die Skiflugschanze übertragen werden konnte, hat sicher auch mit dem gewachsenen Selbstvertrauen und Selbstverständnis der beiden zu tun.

Die deutschen Mannschaft jubelt beim Weltcup-Finale in Planica über eine erfolgreiche Saison. (Foto: privat)

Nun stehen die Olympischen Spiele 2022 in Peking vor der Tür. Wo sehen Sie die Schwerpunkte für die kommende Saison?

Hüttel: Ein Schwerpunkt muss und wird definitiv darin liegen, die laufenden Prozesse im Kernteam mit hoher Qualität und wenig zeitlichem Verzug weiterlaufen zu lassen. Wir haben hier unter der Leitung von Stefan Horngacher ein toll funktionierendes Trainerteam zusammengestellt, das mit extrem hohem Engagement und Zielgerichtetheit zusammenarbeitet. Das Niveau wird international weiter steigen und der Wettbewerb wird noch einmal enger und härter werden, so war es bisher in jeder Olympiasaison der Fall. Ich persönlich hoffe jedoch auch, dass die Athleten, die in dieser Saison nicht ihr Leistungsvermögen abrufen konnten und über die weniger gesprochen wurde – wie Andreas Wellinger, Richard Freitag oder David Siegel – wieder zu alter Stärke zurückfinden und im Kampf um die Olympiatickets eingreifen können.

Bei den Damen hört mit Andreas Bauer der langjährige Bundestrainer auf. Haben Sie hier schon einen Nachfolger im Blick?

Hüttel: Wir befinden uns auf der Zielgeraden, aber noch gibt es ein paar Dinge zu klären. Ich gehe davon aus, dass wir die Entscheidung nach der Trainerklausur Ende nächster Woche verkünden können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Über Marco Ries 713 Artikel
Inhaber und Chefredakteur von skispringen.com. Hat sich nach der Jahrtausendwende von RTL am Skisprungfieber anstecken lassen und 2009 dieses Angebot gegründet. Studiert an der Universität Heidelberg und arbeitet nicht nur im Winter als freier Journalist.

3 Kommentare

    • Heinz Kuttin wäre sicherlich keine schlechte Wahl, wenngleich er bei den Nordischen Kombinierern sehr beliebt ist und dort sein angefangenes Projekt noch nicht abgeschlossen hat. Ich persönlich hoffe, dass er der NoKo erhalten bleibt. Wirklich schade ist, dass es offenbar kaum Trainerinnen im DSV gibt.

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