Tops & Flops

Deutsche Skispringer als Favoriten zur Vierschanzentournee

Foto: Markus Feser

Die Tournee kann kommen: Das deutsche Team präsentiert sich in Engelberg in beeindruckender Verfassung, allen voran Richard Freitag. Norwegen überzeugt ebenfalls, andere Nationen hingegen haben noch Nachholbedarf. Die Gewinner und Verlierer des Wochenendes.

Mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht ließ Richard Freitag im offiziellen Siegerinterview den Reporter ins Leere laufen: „Keine Ahnung“, antwortete der Mann aus dem Erzgebirge kurz und knapp ins FIS-Mikrofon auf die Frage, was ihn momentan so stark mache. Und doch lässt Freitags Reaktion unmittelbar nach seinem insgesamt achten Weltcuperfolg in Engelberg am Sonntag auf zwei für sportlichen Erfolg unabdingbare Komponente schließen: Unbekümmertheit gepaart mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein. Richard Freitag strahlt in diesen Tagen beides aus.

Welche Kriterien ihn im athletischen Bereich zu seiner herausragenden Verfassung verhelfen, behält der Sachse im Detail lieber für sich. Das Erfolgsrezept wird nicht verraten, gerade jetzt, wo die Vierschanzentournee vor der Türe steht. Klar ist jedoch: Mit seinem Erfolg vom Sonntag sowie dem zweiten Platz am Vortag fährt Freitag nicht nur im Gelben Trikot des Gesamtweltcup-Führenden, sondern auch als der Top-Favorit zur ersten Station der Vierschanzentournee nach Oberstdorf.

Freitag und Wellinger bestechen mit Konstanz

Seine Leistungen in der Schweiz unterstreichen einmal mehr, dass der 26-Jährige aktuell der beste Athlet im Feld ist, sein Vorsprung im Gesamtweltcup beträgt bereits komfortable 151 Punkte. Nie war Freitag in diesem Winter schlechter als Platz sechs – eine beeindruckende Konstanz, die beim ersten Saisonhöhepunkt zum Trumpf werden könnte.

Auch der Rest des deutschen Teams konnte in Engelberg nochmal ordentlich Selbstvertrauen tanken – und Bundestrainer Werner Schuster seine letzten Tourneevorbereitungen mit der Gewissheit angehen, über drei Top-Ten-Springer zu verfügen. Denn neben Freitag sorgten vor allem Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler für ein erfreuliches Resultat aus deutscher Sicht. Wellinger konnte das Niveau seiner Darbietungen aus Titisee-Neustadt zwar nicht ganz halten, erwies sich mit zwei sechsten Plätzen aber dennoch als ein Muster an Konstanz. Eisenbichler fehlt noch der letzte Schritt, um sich wie seine Teamkollegen auf höchstem Niveau zu stabilisieren, die Plätze zwölf und fünf lassen aber ebenfalls auf ein starkes Tournee-Abschneiden hoffen.

Norwegen: Im Einzel noch zu selten siegfähig

In mannschaftlich starker Verfassung präsentierten sich in der Schweiz auch die von Alexander Stöckl trainierten Norweger. Als Team in diesem Winter bei allen drei bisher ausgetragenen Mannschaftsspringen ganz oben auf dem Podest, gelang am Samstag in Person von Anders Fannemel auch endlich der erste Einzelerfolg dieser Saison. Mit insgesamt vier Top-Ten-Platzierungen am ersten Wettkampftag sowie deren drei am Sonntag, unterstrichen Tande, Fannemel und Co. ihre mannschaftliche Geschlossenheit.

Die individuelle Performance ist trotz der mannschaftlichen Stärke dennoch ausbaufähig. Johann Andre Forfang verpasste am Samstag – nach einem Sturz in der Probe unter erschwerten Bedingungen – den Finaldurchgang, am Folgetag rehabilitierte er sich mit Rang vier. Diese Platzierung erzielte im ersten Wettkampf auch der als Dritter im Gesamtweltcup bestplatzierte Norweger Daniel-André Tande. Im zweiten Einzel verpatzte er jedoch seinen ersten Sprung und landete trotz Aufholjagd am Ende nur auf Rang zehn. Auch Anders Fannemel konnte die Top-Sprünge, welche ihm seinen insgesamt vierten Weltcupsieg bescherten, am Sonntag nicht wiederholen und wurde nur 17.

» Gesamtweltcup: Richard Freitag in Gelb nach Oberstdorf

Die fehlende Konstanz auf höchstem Niveau ist auch Alexander Stöckl nicht entgangen. „Tande ist noch nicht ganz stabil, er muss sehen, dass er zu hundert Prozent fokussiert in die Wettkämpfe geht“, sagte er nach dem 10. Rang des Tourneedritten aus der Vorsaison. Das Engelberg-Wochenende bescheinigt den Norwegern unter dem Strich eine beeindruckende Mannschaftsstärke, ebenso jedoch individuelle Schwankungen. Gerade Tande und Forfang werden sich bis zur Vierschanzentournee weiter stabilisieren müssen, wollen sie dort eine gewichtige Rolle spielen.

Stoch hat die Titelverteidigung im Auge

Bereits in Tourneeform war hingegen der Titelverteidiger Kamil Stoch auf der Groß-Titlis-Schanze unterwegs. Mit den Platzierungen drei und zwei war er mit Abstand bester Pole in Engelberg und zählt ebenso wie Freitag und Wellinger zum engsten Favoritenkreis im Kampf um den goldenen Adler. Nach teils schwankenden Leistungen zu Saisonbeginn findet der Doppelolympiasieger von Sotchi immer mehr zu seiner Form, Erfahrung und Winner-Gen sprechen zudem für eine erfolgreiche Titelverteidigung bei der Vierschanzentournee.

Auch die Leistungen von Stoch‘s Teamkollegen dürften den österreichischen Cheftrainer Stefan Horngacher im Großen und Ganzen zufrieden gestimmt haben. Drei Mal Top Ten am Samstag, zwei Mal unter die besten zehn am Sonntag, gute Vorstellungen von Piotr Zyla, der Zehnter und Siebter wurde – die Gesamtbilanz liest sich für Horngacher positiv.

Dass der Cheftrainer dennoch genügend Arbeit mit in die Weihnachtspause nimmt, liegt vor allem an zwei seiner Athleten. Dawid Kubacki (auf den Plätzen acht und 20) und Maciej Kot (17./ 16.), beide Teil der weltmeisterlichen Truppe von Lahti, befinden sich auch nach den Wettbewerben in Engelberg weiter auf der Suche nach ihrer Top-Form. Gerade Kubacki gelang es zum wiederholten mal nicht, seine herausragende Verfassung vom Sommer auf die Wintermonate umzumünzen. So ist die polnische Mannschaft im Gesamtverbund derzeit noch ein Stück von der Form des vergangenen Winters entfernt.

Team Österreich springt den Ansprüchen hinterher

Enttäuschend verlief das Wochenende für Team Österreich. Für die einst dominierende Nation im Skispringen war der dritte Platz von Stefan Kraft am Sonntag der einzige Lichtblick an einem leistungstechnisch eher trüben Wochenende. Außer Kraft, der am Samstag selbst nur 13. wurde, ist derzeit kein Österreicher in der Lage, um Podestplatzierungen mitzumischen. Cheftrainer Heinz Kuttin resümierte treffend: „Wir haben zu kämpfen momentan. Wir freuen uns auf die kommenden Trainingstage, die brauchen wir unbedingt.“

Gerade den erst von Verletzungspausen zurückgekehrten Michael Hayböck und Gregor Schlierenzauer dürfte jede Trainingseinheit vor Tourneebeginn willkommen sein. Beide hatten in Engelberg mit Problemen zu kämpfen. Während Hayböck mit den Plätzen 15 und 27 immerhin noch Weltcuppunkte sammeln konnte, verfehlte Schlierenzauer den Finaldurchgang an beiden Tagen. Den ÖSV-Adlern, in der Schweiz eher taumelnd unterwegs, bleibt einiges zu tun, um bei der Tournee wieder zu Höhenflügen ansetzen zu können.

Slowenen durchwachsen, Tschechen desaströs

Ebenso der Konkurrenz aus Slowenien. Trotz des Überraschungserfolges von Jernej Damjan zu Saisonbeginn im finnischen Ruka bestätigte das Wochenende in Engelberg einmal mehr, dass die Slowenen derzeit keinen Top-Springer in ihren Reihen haben. Peter Prevc, als 16. und 14. an beiden Tagen jeweils noch der Beste im Team von Trainer Goran Janus, deutet sein Potenzial zwar vereinzelt an. Doch von der Verfassung seiner persönlichen Traumsaison 2015/16 samt Sieg bei der Vierschanzentournee und dem Triumph im Gesamtweltcup ist Prevc weiterhin ein gutes Stück entfernt. Auch Bruder Domen springt seinen Ansprüchen nach wie vor hinterher, in Engelberg reichte es für den 18-Jährigen zweimal gerade so für den zweiten Durchgang (Plätze 29 und 28).

Ganz düster sieht es derweil im Lager der Tschechen aus. Ohne Weltcuppunkte trat das Team vom österreichischen Cheftrainer Richard Schallert die Heimreise an, welches an beiden Tagen ohnehin lediglich mit Roman Koudelka und Vojtech Stursa in den Wettkämpfen vertreten war. Mickrige drei Pünktchen haben die Tschechen in diesem Winter in allen bisher ausgetragenen Wettbewerben gesammelt – eine Zahl, die viel über den derzeitigen Zustand des tschechischen Skispringens aussagt.

Kobayashi etabliert sich, Learoyd feiert Debüt

Mit einem Mann, der durchaus in der Lage scheint, für Überraschungen zu sorgen, fahren hingegen die Japaner nach Oberstdorf. Mit den Plätzen sieben und acht untermauerte Junshiro Kobayashi, dass sein Sieg zum Weltcup-Auftakt in Wisla keine Eintagsfliege war. Dass ihm die Abgezocktheit bisweilen allerdings noch abhanden kommt, zeigte sich am Sonntag: Als Zweitplatzierter nach dem ersten Durchgang mit Siegchancen, fiel Kobayashi nach einem schwächeren zweiten Sprung noch zurück.

» Alle Termine im Überblick: Jetzt geht’s zur Vierschanzentournee

Ein neues Gesicht im Weltcupzirkus präsentierten in Engelberg unterdessen die Franzosen. Jonathan Learoyd, 17 Jahre alt, gab auf der Groß-Titlis-Schanze sein Weltcupdebüt und zeigte auf Anhieb, dass er durchaus im Konzert der Großen mitmischen kann. Für Weltcuppunkte reichte es beim Debüt mit den Plätzen 35 und 39 zwar noch nicht, gut möglich aber, dass von dem jungen Franzosen in der Zukunft noch einiges zu hören sein wird.

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Über Sebastian Theuner 12 Artikel
Seit Dezember 2013 im Team von skispringen.com. Hat bereits seit dem Kindesalter ein Faible für das Schreiben und den (Skisprung-)Sport. War und ist bei verschiedenen Tages-, Wochen- und Fachzeitungen als Praktikant und freier Mitarbeiter tätig. Studiert an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

7 Kommentare

  1. Warum wurde mein 2. Kommentar entfernt??? Gibt es bei Ihnen eine Zensur??? Oder sind dem DSV solche Kommentare nicht genehm? Ich habe niemanden beleidigt oder verunglimpft…

  2. Ich kenne den Vater von Richard Freitag, auch ehem. Skispringer und heute Orthopäde, sehr gut!
    Er sagte vor zwei Jahren zu mir: „Der Richy braucht noch eine gewisse Zeit!“ Uns jetzt ist der Knoten geplatzt. Unser Richard läuft zur Bestform auf. Ihm ist in der Saison 2017/18 Alles zuzutrauen…..

  3. Richard Freitag hat sehr abgenommen und ist kurz vor der Magersucht. Vielleicht ist das eins der „Geheimnisse“ seiner derzeitigen Weiten. Man gönnt den Sportlern jeden Erfolg aber bitte nicht um diesen Preis. Traurig…

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