Alexander Pointner in "Mut zur Klarheit"

Zweikampf zwischen Morgenstern und Schlierenzauer in der "Superadler"-Ära

2010 kommt es im ÖSV-Team zum Umbruch, der Zweikampf zwischen Morgenstern und Schlierenzauer tobt – darum, wer die Nummer 1 ist. In seinem Buch gibt Alexander Pointner interessante Einblicke in diese Zeit. skispringen.com veröffentlicht Auszüge.

In seinem neuen Buch „Mut zur Klarheit“ äußert sich Alexander Pointner zum personellen Umbruch im Österreichischen Skiverband (ÖSV) nach den Olympischen Winterspielen 2010 und Veränderungen innerhalb der Mannschaft. Zu dieser Zeit waren mit Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer die beiden Stars der „Superadler“-Ära aktiv und leisteten sich einen Zweikampf darum, wer die Nummer 1 im Team ist.

Pointner erklärt, welche Interessen Morgenstern und Schlierenzauer verfolgt haben, wie er sich als damaliger Cheftrainer verhalten hat und wieso er selbst fehlende Loyalität im Verband sowie im Team zu spüren bekam.

skispringen.com veröffentlicht exklusiv einen Auszug aus „Mut zur Klarheit“ von Alexander Poitner:

Die Zeit nach den Olympischen Spielen in Vancouver brachte einen Umbruch, sowohl im ÖSV als auch in unserem Team. Auf Toni Innauer folgte Ernst Vettori als Nordischer Direktor (heute Nordischer Leiter), auf Marc Nölke folgte Alexander Diess als mein Co-Trainer. Alle gemeinsam bekamen wir einen neuen Chef: Hans Pum, der als Alpindirektor in Vancouver ohne Medaille bei den Herren geblieben war, wurde zum Sportdirektor des gesamten ÖSV ernannt. Eine pikante Situation für uns, denn im ÖSV-internen Konkurrenzkampf Alpin gegen Nordisch war er bis jetzt unser Gegner gewesen.

Doch dieser dritte Abschnitt meiner Cheftrainerlaufbahn begann mit einem riesigen Erfolg: Thomas Morgenstern gewann die Vierschanzentournee, wurde Gesamtweltcupsieger und holte bei der WM in Oslo Gold und Silber. Gregor Schlierenzauer feierte nach einer Verletzung ein fulminantes Comeback und wurde Weltmeister auf der Großschanze, und Andreas Kofler freute sich über Silber. Insgesamt gingen bei dieser Weltmeisterschaft sechs von acht möglichen Medaillen an unser Team!

Alle zogen wir an einem Strang. Hans Pum setzte sich gemeinsam mit Toni Giger, der die neu ins Leben gerufene Entwicklungsabteilung führte, mit vollem Elan für die Skispringer ein. Sie wollten alles über unsere Arbeitsweise wissen, begleiteten uns beim Saisonauftakt und bei der WM. Ernst Vettori gab mir, nachdem Gregor Schlierenzauer bereits meine Ablöse lanciert hatte, volle Rückendeckung, und Alex Diess war einfach begeistert, bei diesem Team sein zu dürfen.

Bereits nach der Saison zeigten sich die alten Brüche: Es ging darum, wer der wahre Weltmeister sei – Thomas Morgenstern, der den Gesamtweltcup, die Tournee und zwei Goldmedaillen (Kleinschanze, Team) gewonnen hatte, oder Gregor Schlierenzauer, der Weltmeister von der Großschanze am Holmenkollen in Oslo. Übersetzt hieß das: Wer ist die Nummer 1, sowohl im Team als auch beim finanzkräftigen Großsponsor der beiden.

Ich wollte mich auf dieses Niveau nicht einlassen, gerade weil es keinem der beiden darum ging, was wir als Team erreicht hatten. Ich bin meiner »Linie« treu geblieben: Es gab kein Donnerwetter, sondern ich versuchte, die Strukturen so zu verändern bzw. zu verkleinern, dass jeder das Gefühl bekam, bestmöglich individuell unterstützt zu sein.

Die Stützpunkttrainer waren zu dieser Zeit eine wichtige Säule in dem System, das ich aufgebaut hatte. Sie übernahmen hauptsächlich das Basistraining und standen ihren Sportlern nicht nur neben den Trainingskursen des Teams, sondern auch im Falle einer Verletzung zur Verfügung. Allerdings funktioniert dies nur so lange, als alle Trainer auf einer Linie bleiben und ihre Tätigkeit nicht für die eigene Profilierung (miss)brauchen.

Durch Gespräche und Athletenabgleiche wurde zwischen den einzelnen Betreuern klar kommuniziert, doch manche ließen sich von ihren Sportlern zu Geheimnisträgern machen. Damit glaubten die Topspringer, sich Vorteile verschaffen zu können: Wie ich trainiere bleibt geheim, und mein Individualtrainer ist der Beste. Gleichzeitig setzte man seinen Konkurrenten psychisch unter Druck: Dazu nutzten die Athleten jede Möglichkeit, ihre persönlichen Betreuer besonders hervorzuheben – gerade vor den Medien. Die verbandsinterne Unterstützung war selbstverständlich und wurde kaum wertgeschätzt.

Mitten drin in diesen Turbulenzen stand ich, der Konflikte als unnötige Stolpersteine verstand und plötzlich keinen Mittelsmann mehr hatte, der diese Konflikte für mich austrug. Denn weder Ernst Vettori noch Alex Diess hatten die Lust oder die Fähigkeit, dies zu übernehmen.

Mein Fehler bestand darin, nie reflektiert zu haben, was mir mit Marc verloren gegangen war. Alex Diess hatte zwar viele Qualitäten, aber ich hatte nicht überlegt, wo und wie er diese am besten einsetzten könnte. Er passte nicht in die Rolle, in die ich ihn hineinzwängen wollte.

Es war klar, dass in dem Gefüge, das durch den Erfolg entstanden war, Konflikte nicht ausbleiben würden. Die Superadler stellten eine unglaublich zugkräftige Marke dar, aber es war vorhersehbar, dass nicht jeder Einzelsportler immer mit dem Team konform gehen würde. Bis zu diesem Zeitpunkt war es meine Stärke gewesen, jeden Betreuer dort einzusetzen, wo er am besten hinpasste. Wenn ich also eine bestimmte Funktion nicht übernehmen wollte, musste ich zumindest jemanden dafür einsetzen. Anstatt dies zu tun, ließ ich zu, dass Alex Diess mit Andreas Widhölzl jemanden ins Team holte, der mit Konfliktbewältigung noch weniger am Hut hatte.

So waren es die vielen unausgesprochenen Konflikte, die fehlende Klarheit im zwischenmenschlichen Bereich, die mich schließlich die Loyalität meiner Mitarbeiter und auch diejenige der Sportler kostete. Im sportlichen Bereich sorgte ich für Klarheit, da zog ich durch, was mir vorschwebte. Alle Athleten bekamen kleinere, individuell auf sie zugeschnittene Strukturen. Bei der folgenden Tournee belegten wir die Ränge eins bis drei (wie schon oben erwähnt), und Gregor Schlierenzauer kürte sich zum Gesamtweltcupsieger. Die Teambetreuer fühlten sich allerdings in mein Spiel mit individueller und teaminterner Unterstützung nicht eingebunden.

Die fehlende Loyalität wirkte sich natürlich auf die Gruppendynamik und schließlich auch auf die Leistung aus. Von einzelnen Athleten kam plötzlich wieder der Ruf nach einem engeren Team. Die konfliktfreie Zone bei ihren Stützpunkten (dort wurde ihnen kaum widersprochen) hatte auch ihnen nicht gut getan. Die Individualtrainer wussten teilweise gar nichts davon, doch ich sollte einen klaren Schlussstrich ziehen.

Ich glaubte, dies in Angriff zu nehmen, würde uns unglaublich lähmen, außerdem war meiner Meinung nach alles schon zu weit fortgeschritten. Seitens des ÖSV bekam ich für eine mögliche Änderung zu diesem Zeitpunkt längst keine Rückendeckung mehr. Da wurde bereits fieberhaft nach Punkten gesucht, die nicht mehr funktionierten.

Ich weiß heute, dass das Austragen von Konflikten unheimlich viel Energie generieren kann: emotionale Ausbrüche, Tränen, das Wieder-Zusammenführen. Kurzum: Es »menschelt«. Würde man mich fragen, was ich als Cheftrainer heute anders machen würde, dann fiele mir die Antwort leicht. Die Zeit, die ich zur Verfügung hätte, bliebe die gleiche, doch heute würde ich den zwischenmenschlichen Problemen mehr Raum geben, auch wenn dies auf Kosten des »Produktes« Skispringen ginge.

Alexander Pointner, Angela Pointner, „Mut zur Klarheit“. Erschienen im Seifert Verlag, 2017.

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