Andreas Wellinger: „Ich bleibe einfach so, wie ich bin“

„Den haben wir im Sommer entdeckt“, sagt Bundestrainer Werner Schuster über ihn. Seitdem verblüfft Andreas Wellinger die Skisprungszene. skispringen.com hat wenige Tage nach seiner ersten Tournee-Teilnahme mit ihm gesprochen.

Sechs Top-Ten-Platzierungen, darunter zwei Podestplätze: Andreas Wellinger ist fulminant in den Winter gestartet – und das obwohl ihn vorher wohl selbst Skisprung-Insider kaum auf der Rechnung hatten. Der 17-Jährige ist inzwischen Stammkraft in der Weltcup-Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster und auf dem besten Weg, in diesem Winter gleich zwei Weltmeisterschaften zu bestreiten – kommende Woche die Junioren-Weltmeisterschaften im tschechischen Liberec sowie Ende Februar die Nordischen Weltmeisterschaften im italienischen Val di Fiemme.

Im exklusiven Interview mit skispringen.com-Redakteurin Anna Baumgartner spricht der Senkrechtstarter aus Ruhpolding über diesen fulminanten Start, die gestiegenen Erwartungen und den Druck von außen, den Umgang mit den Medien sowie seine weiteren sportlichen und außersportlichen Ziele.

Andreas Wellinger, nach dem phänomenalen Einstieg in deinen ersten Weltcup-Winter – wie lautet dein Fazit vom bisherigen Saisonverlauf?

Andreas Wellinger: Mein Fazit fällt sehr gut aus. Ich kann mich über nichts beschweren. Auch wenn mit dem Sturz in Bischofshofen vielleicht ein kleines Missgeschick dabei war, habe ich meine Erwartungen weitaus übertroffen. Bei der Vierschanzentournee in der Gesamtwertung Neunter zu werden, war sicher das Größte.

Was sind deine nächsten Ziele für die Saison? Wirst du den ganzen Weltcup mitspringen?

Wellinger: Das nächste Ziel sind jetzt erst mal die Junioren-Weltmeisterschaften in Liberec. Die waren schon den ganzen Sommer lang das Ziel, auf das ich hingearbeitet habe. Dort fahren wir jetzt hin und versuchen ein gutes Einzel- und Teamergebnis zu erreichen. Was danach kommt, wird sich zeigen. Ich werde natürlich mein Bestes geben, um wieder im Weltcup mitfahren zu dürfen und meine Leistung zu bringen.

Hattest du im Vorfeld damit gerechnet, gleich in der Spitze mitspringen zu können?

Wellinger: Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Nach den guten Leistungen im Sommer hatte ich natürlich die Hoffnung, ab und zu im Weltcup mitspringen zu dürfen und es dann auch in den zweiten Durchgang zu schaffen. Dass ich aber gleich so einsteige und konstant um die Top-Ten, Top-15 mitspringe, hätte ich nie erwartet. Jetzt ist es mir mehrmals gelungen, zu zeigen, was ich kann. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich ganz vorne dabei sein kann, wenn mir zwei super Sprünge gelingen.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du aus dem C-Kader so schnell ins A-Team aufgestiegen bist?

Wellinger: Im Sommer hatten wir drei Lehrgänge mit dem A-, B- und C-Kader. Bei dieser Gelegenheit ist Werner Schuster Ende Juli in Courchevel auf mich aufmerksam geworden. Dann lief es im Sommer sehr gut. Ich konnte im Continentalcup gute Leistungen zeigen, dort sogar einen Sieg einfahren und einen Teil vom Sommer-Grand-Prix mitspringen. Beim letzten Trainingslehrgang in Oberstdorf kurz vor dem Saisonauftakt bin ich dann auch gut gesprungen und Werner Schuster hat deshalb entschieden, den noch offenen Startplatz an mich zu vergeben und mich nach Lillehammer mitzunehmen.

Wie war es, als so junger Athlet plötzlich Teil der erfahrenen A-Mannschaft zu werden? Wie ist die Stimmung im Team?

Wellinger: Die Stimmung ist seit dem Beginn der Saison super. Das liegt zum einen an unseren guten Leistungen, zum anderen daran, dass wir uns besser kennen lernen konnten. Wenn man als Junger dazustößt, ist es am Anfang natürlich ein bisschen schwierig und man guckt mit Respekt auf die anderen. Aber auch durch die Sommerlehrgänge kannte ich die Mannschaft ja schon ein bisschen.

Durch deine guten Platzierungen in dieser Saison gibt es mittlerweile eine gewisse Erwartungshaltung an dich. Empfindest du dadurch Druck? Wie gehst du damit um?

Wellinger: Irgendwo ist bestimmt immer Druck dabei. Es hält sich aber in Grenzen. Wir haben gute Betreuer, die den Rummel von außen zum Teil bündeln, abschirmen und versuchen, locker damit umzugehen. Das gelingt ganz gut. Ich springe einfach und alles andere ergibt sich von selbst. Ich denke, mit der Zeit werde ich hier auch noch besser reinwachsen.

Du lernst gerade erst alles kennen, wirkst aber in deinem Umgang mit den Medien schon jetzt unheimlich abgeklärt und souverän. Wie machst du das?

Wellinger: Ich bleibe einfach so, wie ich bin. Im letzten Januar war ich bei der Jugend-Olympiade in Innsbruck dabei. Dort hatten wir ein Medientraining und haben ein bisschen gelernt, wie man mit der Presse und dem Fernsehen umgehen kann. Das war schon eine Hilfe. Ansonsten versuche ich einfach, natürlich zu bleiben. Das haben mir auch alle geraten. Wenn ich so bin, wie ich bin, kann ich auch nichts falsch machen. Warum sollte ich mich auch fürs Fernsehen oder ein Interview verstellen. Ich sehe das nicht als Druck an, dass ich nach dem Sprung ein Interview geben muss. Wenn ich mich deswegen stressen würde, dann würde sich der Stress negativ aufs Springen auswirken und das will ich nicht.

Oft wirst du mit Thomas Morgenstern oder Gregor Schlierenzauer verglichen, die ja auch sehr jung erfolgreich in den Weltcup gestartet sind. Siehst du hier selber Parallelen oder ist dieser Vergleich mehr eine Konstruktion der Medien?

Wellinger: Das kann man schwer sagen, aber ich denke, wirklich vergleichbar ist es nicht. Jeder Sportler ist anders und hat seine spezielle Herangehensweise. Aber natürlich ist es etwas Besonderes, wenn man mit den beiden verglichen wird, weil sie schon extrem viel erreicht haben. Es ist ja auch mein Ziel, weit nach vorne zu kommen.

Hast du im Skisprungsport Idole oder Vorbilder, an denen du dich orientierst?

Wellinger: In den letzten zwei Jahren war es Severin Freund. Er ist eine wichtige Person und hat dem deutschen Skisprungsport durch seine Leistungen einen Aufschwung verliehen. Ich mag ihn extrem gern. Er macht ein bisschen das, was ich vorhabe zu tun. Wie ich war er auch im Sportinternat in Berchtesgaden und studiert nebenbei. Das möchte ich später auch machen.

Du bist noch sehr jung. Denkst du da überhaupt schon an eine Zeit nach der aktiven Karriere?

Wellinger: Es gibt ein Leben nach der Sportlerkarriere und das weiß ich. Es kann durch eine blöde Verletzung schnell alles vorbei sein und da sollte man einen Plan B haben. Ich habe zuerst die Realschule fertig gemacht und dann hat sich mir die Frage gestellt, wie es weiter geht. Zur Bundespolizei oder zur Bundeswehr zu gehen, war nicht unbedingt das, was ich mir vorstellen konnte. Deshalb habe ich mich für das Abitur entschieden. Später dann zu studieren, wäre sicher interessant. Das ist aber erstmal ein grobes Ziel. Was genau ich in der Zukunft machen möchte, weiß ich noch nicht.

Momentan musst du Sport und Schule unter einen Hut bringen. Hast du da überhaupt noch Zeit für andere Dinge?

Wellinger: Es ist natürlich schwierig. Denn wenn ich einmal daheim bin, dann ist das auch das Internat. Dort versuche ich aber viel mit meinen Freunden zu machen und bis auf das tägliche Training das Skispringen außen vor zu lassen.

Wie bist du eigentlich zum Skispringen gekommen?

Wellinger: Ich habe Skispringen immer im Fernsehen gesehen und wusste, dass ich das auch gerne versuchen würde. Mit sechs Jahren habe ich dann damit angefangen.

Zuerst warst du aber Nordischer Kombinierer, warum bist du zum Skispringen gewechselt?

Wellinger: Das Springen war zum einen von Anfang an meine bessere Disziplin. Zum anderen lag mir das Laufen weniger. Und was man nicht so gerne macht, macht man nicht so konsequent und ist dabei dann nicht so motiviert. Deshalb war es meine Entscheidung, nur noch zu springen. Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, denn das Springen macht mir einfach mehr Spaß, als mich in der Loipe zu quälen. Aber im Kinder- und Jugendalter legt die Nordische Kombination gute Grundlagen in der Koordination und das ist extrem wertvoll gewesen für den Beginn.

Was fasziniert dich so am Skispringen?

Wellinger: Es ist ein Sport, den nicht jeder machen kann. Zudem ist es immer wieder ein Adrenalinschub, wenn man auf eine neue Schanze kommt oder was Neues dazu kommt. Das Gefühl zu fliegen, ist etwas ganz Besonderes. Etwas, das man gar nicht beschreiben kann. Das muss man fühlen.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die kommenden Wettkämpfe!

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