Dieter Thoma: „DSV-Mannschaft hat Starpotenzial“

Den Fernsehzuschauern ist er mittlerweile als Skisprungexperte bekannt, vor 23 Jahren hat er selbst die Vierschanzentournee gewonnen. skispringen.comsprach mit Dieter Thoma über die DSV-Mannschaft und die anstehende Tournee.

Im Alter von 20 Jahren hat Dieter Thoma die Vierschanzentournee gewonnen. Das war in der Saison 1989/1990 – genau zehn Jahre danach beendete er seine Karriere als Skispringer mit dem historischen Sprung ins neue Jahrtausend. Seitdem steht der zwölffache Weltcupsieger für das deutsche Fernsehen (zuerst RTL, mittlerweile ARD) als Skisprungexperte vor der Kamera.

Wenige Tage vor dem Start der 61. Vierschanzentournee spricht Dieter Thoma im exklusiven Interview mit Marco Ries über die starken Leistungen der deutschen Mannschaft, den besonderen Reiz des Duells zwischen Deutschland und Österreich, die besonderen Herausforderungen seines Jobs während der Vierschanzentournee und Martin Schmitt.

Herr Thoma, wie groß ist Ihre Vorfreude auf die Tournee?

Dieter Thoma: Die Vorfreude ist nach den letzten Ergebnissen natürlich riesig. Es war in Deutschland schon lange nicht mehr der Fall, dass man mit Alt und Jung mitfiebert. Wir haben mit dem 33-jährigen Michael Neumayer jemanden, der sozusagen in der Form seines Lebens springt. Und mit Andreas Wellinger einen der jüngsten Springer seit vielen Jahren, der mit 17 schon zwei Mal auf dem Podest stand. Hinzu kommen natürlich Severin Freund und Richard Freitag sowie unser Sommer-Grand-Prix-Gewinner Andreas Wank. Es ist eine tolle, erfrischende Truppe.

Die Erwartungen vor dieser Vierschanzentournee sind so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr – überall werden die deutschen Skispringer als Favoriten gehandelt. Kann in dieser Saison ein Deutscher den Gesamtsieg holen?

Thoma: Das kommt jetzt darauf an, wie man über die Weihnachtspause und das Training kommt und dann in Oberstdorf startet. Manchmal bekommt man dann einen Lauf, manchmal nicht. Aber die Voraussetzungen sind besser als die Jahre zuvor. Trotzdem ist es immer möglich, dass plötzlich ein Springer kommt, der in der Form seines Lebens springt – das kann der Slowene Jaka Hvala sein, das kann aber auch ein Simon Ammann oder ein anderer Springer sein. Ich glaube und hoffe, dass es ein deutsch-österreichisches Duell wird, aber im Vorfeld lässt sich das kaum abschätzen.

Alexander Pointner meinte, dass dem Skispringen nichts Besseres passieren könne, als ein deutsch-österreichisches Duell.

Thoma: (lacht) Ja, das sehe ich auch so. Das macht natürlich Spaß, schließlich ist es die deutsch-österreichische Tournee. Nichts gegen die anderen Nationen – überhaupt rückt ja das ganze Feld näher zusammen – aber natürlich lebt das von so einem Duell. Endlich ist es soweit, dass wir den Österreichern Paroli bieten können, wobei sie vielleicht noch einen kleinen Tick besser sind. Aber in einzelnen Wettkämpfen oder bei der Tournee kann das auch anders ausgehen. Wir haben einige heiße Eisen im Feuer.

Könnte dieses Duell den deutschen Springern nochmal einen gewissen Extraschub geben? Oder ist es eher hinderlich, weil die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit höher ist?

Thoma: Das ist typenabhängig. Aber eigentlich kann es nichts Besseres geben, als wenn man im Vorfeld gute Leistungen gezeigt hat. Die Leute erwarten von einem gute Ergebnisse, weil sie davon ausgehen, dass man gut ist – jetzt will man das eben auch beweisen. Es liegt an den Trainern und Betreuern, das in die Köpfe der Springer zu bekommen. Denn im Körper ist das Potenzial auf jeden Fall vorhanden, das haben sie bereits gezeigt.

Kam diese plötzliche Leistungsexplosion – von der gesamten Mannschaft und nicht nur von einzelnen Springern – für Sie überraschend?

Thoma: Es ist sicher das Ergebnis der Arbeit, die von Werner Schuster angestoßen wurde. Die Struktur und die Trainingspläne in Verbindung mit der Arbeit durch Stefan Horngacher und Co. an den einzelnen Stützpunkten haben gegriffen, die Kommunikation hat sich verbessert. Das betrifft auch die einzelnen Vereine und Stützpunkte, die mit vollem Elan dabei sein müssen – denn der Bundestrainer kann auch nicht überall sein. Diese Denkweise ist in Deutschland schon angekommen, kann aber auch noch mehr verinnerlicht werden. Es sollte nicht nur für die einzelne Region gearbeitet werden, sondern Ziel muss es sein, Weltklasse-Athleten an die Spitze zu bringen. Dabei sollte es zweitrangig sein, ob die Athleten jetzt aus dem Schwarzwald, aus Bayern oder aus Sachsen kommen. Dass aber plötzlich alle so gut sind, kam natürlich schon überraschend. Das ist für einen Trainer ganz wichtig: Man sieht, dass man nicht nur ein oder zwei Athleten hat, die ganz vorne mitspringen, sondern eine ganze Reihe. Ähnlich wie in Österreich wird die gesamte Mannschaft mitgerissen. Alt und Jung können in diesem System überleben und das finde ich super.

Aus der jungen Generation hat sich besonders Andreas Wellinger hervorgetan. Woher nimmt ein 17-Jähriger so plötzlich diese Selbstverständlichkeit der Top-Sprünge?

Thoma: Der Kerl ist einfach faszinierend. Im Training ist er teilweise nicht so gut zurechtgekommen, aber im Wettkampf zeigt er einen unglaublichen Willen und eine Kaltschnäuzigkeit. Das ist eine Stärke, die nicht jeder hat. Er ist ein positiv frecher, junger Mann, der wahnsinnig an sich glaubt, ohne dabei arrogant zu sein. Diese Eigenschaft kann man niemandem anlernen – das sind solche spezielle Typen. Ich hoffe, dass er das auch weiterhin so durchzieht. Dann kann er uns in dieser Saison noch sehr viel Spaß machen.

Besteht die Möglichkeit, dass sich nach diesen Erfolgen wieder ein „Skisprunghype“ in Deutschland entwickelt? Ist in dieser Mannschaft Starpotenzial vorhanden?

Thoma: Ja, diese Mannschaft hat Starpotenzial. Alle sind spezielle, individuelle Typen. Severin gibt super Interviews, ist sehr sympathisch und professionell. Für mich ist er ein bisschen der „Dr. Skisprung“, für den Professor ist er noch ein bisschen zu jung (lacht). Andreas Wellinger hat ja gesagt, dass er sein Vorbild ist – und da hat er ein gutes Vorbild, weil er durch harte und akribische Arbeit nach vorne gekommen ist. Dann haben wir noch Richard Freitag, der großes Talent hat und seinen eigenen Charakter besitzt. Er zeigt auch mal, dass er sauer sein kann, wenn es nicht so läuft. Zusätzlich haben wir jetzt den Newcomer Wellinger, der sehr sympathisch ist, gut aussieht und sicherlich ein paar Mädels um den Verstand bringt. Aber Voraussetzung ist, dass das soziale Umfeld der Sportler stimmt und sie die entsprechenden Leistungen auf der Schanze bringen.

Das Gelbe Trikot des Weltcupführenden musste Severin Freund nach dem Weltcupwochenende in Engelberg dem Österreicher Gregor Schlierenzauer überlassen. Werden das die beiden Springer sein, die auch den Gesamtweltcup unter sich ausmachen können?

Thoma: Es ist noch recht früh, um das einschätzen zu können. Vor der Saison war der Gesamtweltcup für Severin ja noch kein Thema, sondern vor allem die Vierschanzentournee und die Weltmeisterschaften. Es wäre schon möglich, dass er vielleicht dann mal eine Pause macht und dadurch natürlich Weltcuppunkte verliert. Das fände ich aber auch nicht weiter schlimm – es sei denn, er hat nach der Tournee einen Vorsprung. Dann sollte er es vielleicht versuchen, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Gregor Schlierenzauer ist momentan zwar sehr gut drauf, aber er hat in dieser Saison auch schon einige Schwächen gezeigt. Ich habe ihn im Training gesehen – ich habe ihn noch nie so schlecht springen sehen. Es war für mich unfassbar, wie er sich dann im Wettkampf zurückgemeldet hat. Trotzdem ist der Gesamtweltcup zum aktuellen Zeitpunkt wohl für beide noch nicht das Hauptthema.

Ein ganz anderes Thema ist bei Martin Schmitt aktuell. Er hat angekündigt, sich Gedanken über ein mögliches Karriereende zu machen, falls er nicht alle vier Springen der Vierschanzentournee bestreiten könne. Trauen Sie ihm eine Rückkehr in die Weltcup-Mannschaft in Innsbruck und Bischofshofen zu?

Thoma: Schwierig ist eben, dass die Continentalcups bisher nicht gut gelaufen sind. Beim ersten Wettkampf wäre er Achter geworden, wenn er nicht gestürzt wäre – das wäre noch okay gewesen. Ansonsten lässt es sich schwer beurteilen, wie er drauf ist. Ich habe ihn zuletzt in Klingenthal springen sehen, als er gut drauf war. Man sollte abwarten, wie er sich nun in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen präsentiert.

Wenn es in Oberstdorf und Garmisch nicht gut laufen sollte: Wäre er gut beraten, Schluss zu machen? Oder sollte man diese Entscheidung nicht von einzelnen Ergebnissen abhängig machen?

Thoma: Das muss er selbst herausfinden. Das ist sein Leben und seine Liebe zum Sport. Ich denke, dass man niemandem sagen kann, dass er etwas tun oder lassen soll, wenn es ihm Spaß macht. Er ist alt genug und offenbar hat er noch Spaß, sonst würde er nicht mehr springen. Ich finde es bemerkenswert, dass ihm egal ist, was andere sagen. Martin Schmitt ist eine besondere Person. Das Durchhaltevermögen finde ich einzigartig und bewundernswert. Vielleicht bekommt er ja auch eine gewisse Stabilität und ist dann mit Spaß dabei, ähnlich wie es vielleicht bei Noriaki Kasai der Fall ist.

Im Oktober hat er ja die Trainerausbildung begonnen. Bundestrainer Martin Schmitt – könnten Sie sich das vorstellen?

Thoma: (lacht) Im Moment noch nicht. Für mich ist er noch der Sportler und ich möchte ihn nirgendwo anders sehen. Wie es danach weitergeht, lässt sich schwer sagen. Er ist ein intelligenter Mensch, der viel hinterfragt und schon immer wusste, was er wollte. Er wird keine Probleme haben, im späteren Leben etwas zu finden, das ihm Spaß macht.

Als ARD-Skisprungexperte steht auch für Sie mit der Vierschanzentournee ein Highlight an. Ist das inzwischen die normale Arbeit oder geht man das anders an als die anderen Weltcup-Skispringen?

Thoma: Die Arbeit ist insofern anders, als wir Gott sei Dank mehr Zeit bekommen. Bei der Vierschanzentournee wird dem Skispringen die Zeit für eine wirklich umfangreiche Berichterstattung eingeräumt. Ansonsten gehe ich das aber an wie immer: Ich versuche, so direkt zu sein wie immer. Mit Matthias Opdenhövel funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut und wir versuchen, den Spaß und die Freude an diesem Sport rüberzubringen. Der Fernsehzuschauer soll einen Wettkampf live miterleben und wird dabei so umfassend informiert, dass er eigentlich mehr mitbekommt als vor Ort.

Eine Ihrer Aufgaben ist es, dem Zuschauer das Regelwerk zu vermitteln. Stellt Sie das vor eine große Herausforderung, nachdem sich in der Vergangenheit einige Dinge geändert haben?

Thoma: Ich glaube, die Zuschauer sind schlauer, als viele denken. Ich setze schon eine gewisse Intelligenz voraus (lacht). Wenn sich nicht unbedingt jedes Jahr etwas Grundlegendes verändert, gewöhnen sich die Zuschauer daran. Die Frage ist für uns, wie sehr man dabei ins Detail gehen muss, ob man wirklich alles erklären muss. Wichtig ist vor allem die Durchführbarkeit in einem gewissen Zeitrahmen. Wenn der Wettkampf zu lange geht, haben die Leute keine Lust mehr – und hier muss der Sport vor allem an die Fernsehzuschauer denken. Denn ohne Fernsehen gibt es keine Sponsoren, ohne Sponsoren kein Geld, ohne Geld keine Sportart.

Trotzdem kommt es häufig vor, dass die führenden Wintersportarten sich zeitlich überschneiden.

Thoma: Ja, das ist wirklich ärgerlich. Wir haben ja weder etwas gegen Ski alpin, gegen Biathlon, gegen Bob oder Rodeln – und der Zeitplan ist eben eng. Man muss aber versuchen, die jeweiligen Startzeiten aneinander vorbei zu dirigieren. Dass das schwierig ist, weiß ich, aber einige Entscheidungen kann man oft nicht nachvollziehen. Schon seit Jahren kommen sich Biathlon und Skispringen immer wieder in die Quere. Das ist sehr schade.

Abschließend: Wer gewinnt die Tournee?

Thoma: (lacht) Das kann ich jetzt noch nicht sagen. In den letzten Jahren habe ich mich nach den ersten Trainingssprüngen festgelegt, aber vorher ist es für mich schwierig. Man muss abwarten, wie sie im ersten Training zurechtkommen und die Weihnachtsphase überstanden haben.

Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Spaß bei der Tournee!

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