Exklusiv-Interview

DSV-Skispringerin Svenja Würth: "Da war ich selbst überrascht"

Nach 14 Monaten Verletzungspause feierte Svenja Würth ein gelungenes Comeback im Weltcup. Und auch bei der ersten „Raw Air“ für die Damen ist sie mit dabei. skispringen.com trifft sie zum Exklusiv-Interview.

Schon über zehn Jahre gehört Svenja Würth zur Weltspitze im Damen-Skispringen und das, obwohl sie mehrere schwere Stürze und Folgeverletzungen zurückgeworfen haben. So auch im Dezember 2017 als sie nach bereits erfüllter Olympianorm beim ersten Teamspringen in der Geschichte des Weltcups in Hinterzarten stürzte und sich das Kreuzband riss.

Es folgten lange 14 Monate der Geduld, der Genesung, der Reha und des Herantastens, ehe sie im Februar ihr Comeback im Weltcup gab. Und das so gut, dass Bundestrainer Andreas Bauer die 25-Jährige nun mit der Nominierung für die erste Ausgabe der Raw Air für die Damen belohnte. Zuvor sprach sie exklusiv mit skispringen.com-Redakteur Luis Holuch über ihren steinigen Weg zurück.

Svenja, Du hast es geschafft, nicht einmal einen Monat nach deiner Rückkehr in den Weltcup schon wieder auf der Großschanze zu springen. Hättest Du das für möglich gehalten?

Svenja Würth: Nein, überhaupt nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in diesem Winter überhaupt auf der Großschanze springen würde. Im Dezember bin ich noch auf 60-Meter-Schanzen gesprungen, im Januar dann auf den 90-Meter-Schanzen. Ich war selbst überrascht, wie gut es dann in Oberstdorf ging.

Du warst 14 Monate weg, eine verdammt lange Zeit. Was hat sich in der Zwischenzeit verändert?

Würth: Das Damen-Skispringen hat ungeheure Fortschritte gemacht, das merke ich schon. Das Feld rückt immer enger zusammen und es gibt zahlreiche Springerinnen, die auf das Podest springen können. Es ist nicht einfach, da den Anschluss zu halten. In der kurzen Zeit musste ich jetzt auch das Maximum rausholen, sodass ich gar keine Zeit hatte, noch Material zu testen. Ich springe dieselbe Ausrüstung wie noch im letzten Jahr. Auch deshalb bin ich sehr zufrieden, wie es bisher gelaufen ist.

Im Klartext: Du hättest also auch nicht gedacht, dass du in Hinzenbach und Ljubno punkten kannst?

Würth: Als ich in Hinzenbach gleich in die Top 20 gesprungen bin und im zweiten Durchgang sogar Neunte war, war ich echt überrascht. Ich habe mich quasi isoliert vorbereitet, bis Hinzenbach nicht eine einzige Trainingseinheit mit den anderen Mädels zusammen absolviert. Dementsprechend wusste ich auch nicht, wo ich im Vergleich zu den Anderen stehe. Aber der Trainer hat mich nominiert und gesagt „wir schauen mal, für was es reicht“.

„Ich musste mir das Vertrauen zurückholen“

Wie genau verlief denn Deine Annäherung? Hast Du alles in Eigenregie gemacht oder gab es jemanden, der Dich begleitet hat?

Würth: Die ersten Sprünge zu Beginn habe ich mit meinem Heimtrainer aus Baiersbronn, Christoph Klumpp, zusammen gemacht und danach mit dem Trainer der Bundespolizei, Peter Wucher. Der ist mit mir alleine zum Training gefahren. Es ging zunächst darum, das Vertrauen wieder zu bekommen. Deshalb habe ich auf kleinen Schanzen angefangen und mich Schritt für Schritt gesteigert.

Hast Du denn das Gefühl gehabt, Du musst die Sportart von Grund auf neu erlernen, oder war noch etwas von vorher da?

Würth: Am Anfang habe ich das schon gedacht, ja (schmunzelt). Nach den ersten Sprüngen dachte ich nur „oh je, da fehlt aber schon noch viel“. Man macht unterbewusst schon mehr richtig als falsch, aber trotzdem sehen die ersten Sprünge wirklich so aus, als sei man ein Anfänger. Nach und nach wurde das dann aber besser und das Vertrauen kommt zurück.

Was überwog denn in der Zeit, in der Du gar nichts machen konntest: Der Schmerz, nicht dabei sein zu können, oder die Sehnsucht danach, wieder zurück zu kommen?

Würth: Die ersten Wochen waren schon hart, weil es einfach extrem bitter war. Ich habe dann versucht, mich wieder zu motivieren. Man geht jeden Tag in die Reha mit dem Ziel, wieder zurück zu kommen. Allerdings lief es bei mir in der Reha sehr bescheiden, also nicht wirklich nach Plan. Die Kniebeugung ging gar nicht, ich hatte nach drei Monaten immer noch 90 Grad. Ich konnte nicht mal normal Rad fahren, es war unglaublich zäh.

Wie hast Du es denn dann geschafft, geduldig zu bleiben?

Würth: Mir ist schon die Decke auf den Kopf gefallen, für einen Sportler ist das wirklich die Höchststrafe. Ich habe einfach dann versucht das zu machen, was ich konnte. Im August kam dann die zweite OP und da fing alles auch wieder bei null an. Aber ich habe gelernt, geduldig zu bleiben.

„Man lernt, kleine Dinge zu schätzen“

Ist das in gewisser Weise auch eine Schule fürs Leben, die man da durchmacht?

Würth: Ja, absolut. Man lernt daraus. Vor allem lernt man zu schätzen, wie schön es ist, Skispringen zu dürfen. In der Zeit, in der man auf keiner Schanze steht, merkt man, wie sehr es einem fehlt. Man lernt auch, sich mit kleinen Dingen zufrieden zu geben. Jetzt springe ich in die Top 20 und freue mich, vor einem Jahr hätte ich noch gedacht „das war jetzt nicht so gut.“

Wie verlief denn die Aufarbeitung vom Sturz? Weißt Du genau, was passiert ist?

Würth: Ja, das weiß ich schon. Die Trainer filmen ja immer mit und ich habe mir das Video dann angeschaut, aber ich wusste direkt danach schon, was passiert ist und woran es lag. Man muss dann daran arbeiten, das im Kopf wegzustecken. Ich habe einen Mentaltrainer, der mir dabei zur Seite steht und mir 2014 nach dem Sturz [in Tschaikowski, bei dem sie sich den 6. Halswirbel gebrochen hat, Anm. d. Red.] schon sehr geholfen hat. Dadurch, dass ich das Ganze schon einmal erlebt hab, fiel es mir auch ein Stückchen leichter alles anzugehen. Ich wusste ja, was auf mich zukommt.

Denkst Du trotzdem manchmal daran, was Du alles verpasst hast oder hättest erreichen können? Oder hast Du sofort einen Haken dran gesetzt und dir gesagt „ich muss jetzt versuchen, das Beste draus zu machen“?

Würth: Ich habe zweimal Olympia verpasst, da kann sich jeder vorstellen, was das für einen Sportler bedeutet. Für mich war und ist das ein absoluter Kindheitstraum. Ich dachte schon beim ersten Mal, als ich mich kurz vorher verletzt habe „blöd gelaufen, aber in vier Jahren gibt es wieder eine Chance“. Und, dass es mir dann ein zweites Mal passiert…dazu brauche ich nichts zu sagen (schmunzelt).

Welche Pläne und Ziele hast Du denn nun für den Rest des Winters?

Würth: Ich möchte schauen, dass ich Stück für Stück die Lücke nach vorne schließe. Jetzt komme ich ja zu mehr Sprüngen und kann mir das Vertrauen noch weiter zurückholen. Über Ergebnisse mache ich mir da erstmal weniger Gedanken.

Dabei wünsche ich Dir viel Erfolg und hab‘ vielen Dank für das Gespräch!

Über Luis Holuch 72 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig.

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