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Eva Pinkelnig vor Heim-WM in Seefeld: „Da kriege ich wirklich Gänsehaut“

Foto: GEPA

Eva Pinkelnigs Karriere ist so außergewöhnlich wie keine andere im Damen-Skispringen. Kometenhaft war ihr Aufstieg, steinig ihr Weg zurück nach heftigen Rückschlägen. Wie es ihr vor der Heim-WM in Seefeld geht, erzählt sie skispringen.com.

Von der Kindergärtnerin zur Spitzensportlerin – das ist die kürzeste aller Kurzfassungen, die man über die Karriere von Eva Pinkelnig finden könnte. 2012 absolvierte sie im Alter von 24 Jahren ihre ersten Sprünge, zwei Jahre später war sie Vorspringerin beim Weltcup in Hinzenbach und nicht einmal ein Jahr später war sie selbst urplötzlich in der Weltelite zu finden und das für fast zwei Jahre. Doch dann musste auch die so lebensfrohe und aufgeschlossene Vorarlbergerin ernsthafte Rückschläge wegstecken.

Wie sie wieder zu sich selbst gefunden hat und auf was sie sich bei der WM in Seefeld freut, verriet die 30-Jährige skispringen.com-Redakteur Luis Holuch in einem Exklusiv-Interview.

Eva, für Euch startet die WM in Seefeld am Dienstag mit dem Team-Wettkampf. Vor ein paar Wochen stand der noch gar nicht im Programm – kam das für Dich überraschend oder hatte es sich doch angebahnt?

Eva Pinkelnig: Angebahnt in dem Sinne hatte es sich nicht. Aber wir haben ja lange drum gekämpft und es ist wirklich zuvorkommend vom ÖSV, Seefeld und von der FIS, dass sie es jetzt doch möglich gemacht haben. Da gilt der Dank auch dem Herrn Schröcksnadel (ÖSV-Präsident, Anm. d. Red.), der hat die Sache nochmal wirklich gepusht. Und wir werden alles tun, um in den Kampf ums Podest eingreifen zu können.

„Bin in Seefeld zum ersten Mal 100 Meter geflogen“

Nun habt Ihr im Vorfeld gar keine Generalprobe im Rahmen des Weltcups auf der Schanze in Seefeld gehabt. Wie gut kennst Du sie trotzdem und taugt sie Dir?

Pinkelnig: Bevor sie nochmal umgebaut wurde, bin ich auf ihr zum ersten Mal 100 Meter geflogen, was mein Herzenswunsch war, nachdem ich mich entschlossen habe, das Ganze professionell anzugehen. Wir nutzen sie schon intensiv als Trainingsschanze. In der letzten Saison, wo ich unter Björn Koch trainiert habe, hat sie mir auf meinem Weg zurück auch sehr geholfen. Aber mal unabhängig davon: Wenn Du in Form bist, ist die Schanze im Grunde genommen egal. Andersherum auch: Wenn Du nicht in Form bist, wirst Du nicht Weltmeisterin. Und das werden die unter sich ausmachen, die die ganze Saison vorne waren. Was wirklich cool ist: Ich sehe 20 Mädels, die in der Lage sind, um das Podest mitzukämpfen. Das Niveau ist hoch, und wenn alle zwei gute Sprünge abliefern, wird das richtig spannend. Gerade bei so idealen Bedingungen wie an diesem Wochenende hier in Oberstdorf.

Was ich ja sehr bemerkenswert fand, war, wie Du mit Deiner persönlichen Flatrate für den vierten Platz umgegangen bist (Pinkelnig sprang bereits vier Mal auf Platz vier, aber noch nicht auf das Podest im Saisonverlauf, Anm. d. Red.).

Pinkelnig: (lacht) haha, ja danke!

Ist es denn so, dass Du Dich darüber im Nachhinein geärgert hast, dass Du das Stockerl so oft so knapp verpasst hast, oder freust Du Dich trotzdem über die guten Resultate?

Pinkelnig: Also es war bei wirklich allen vierten Plätzen so, dass ich einen guten und einen schlechten Sprung gemacht habe. Da ärgere ich mich über den schlechten Sprung, aber nicht über das Resultat. Mir wurde letzte Saison noch gesagt, es sei unmöglich das zu schaffen, was ich jetzt geschafft habe. Sportgrößen haben gesagt, dass es wissenschaftlich nicht möglich ist, dass ich überhaupt springen werde. Ich stehe jetzt hier und habe Gänsehaut. Vor zwei Jahren bin ich oben im Reisiglogo auf dem Vorbau mit dem Gesicht aufgeschlagen und den Aufsprunghang blutend und bewusstlos herunter gepurzelt. Mein Trainer, der das damals mit ansehen musste, ist auch noch hier und für den sind die Bilder noch sehr präsent – anders als bei mir, ich habe es gut verarbeitet – und hat selber auch Gänsehaut. Ich aber, wie gesagt auch, weil auf der Schanze, die damals eine sehr schwierige Zeit für mich eingeläutet hat, Sechste zu werden – und es ist ohnehin nicht einfach, überhaupt Sechste im Weltcup zu werden – ist eine große Sache.

Nicht nur für Dich, Deine Gänsehaut ist in diesem Falle ansteckend. Was ich mich ja bei Geschichten wie Deiner oder auch der von Svenja Würth, frage: Wie arbeitet man sowas auf?

Pinkelnig: Bei mir war das nicht nur ein mentales Problem, sondern auch ein neuronales, sprich: das Nervensystem war nach diesem Sturz angeschlagen. Ich hatte Balanceprobleme und mir wurde immer wieder schwarz vor Augen. Mit kleinen Übungen habe ich täglich an diesen Problemen gearbeitet, auch mit vielen guten Leuten im Hintergrund. Harald Rodlauer und Stefan Kaiser, die bei uns ja das Trainer-Duo bilden, haben mit viel Ruhe mit mir daran gearbeitet. Ich durfte lange auf den 60-Meter-Schanzen springen, mir die Sicherheit zurückholen und dann ging es auch auf den Großschanzen wieder gut. Es ist wirklich eine Belohnung das hier auf dieser Schanze erleben zu dürfen.

„Es ist ein weiteres Kapitel einer Geschichte, die sonst nur Hollywood schreibt“

… und ja sicher auch ein tolles Gefühl, wenn man sich selber immer wieder überraschen kann, oder nicht?

Pinkelnig: Ja, absolut! (schmunzelt) Ich liebe den Sport einfach und das ist wirklich geil gerade!

Man merkt Dir das auch an, Du strahlst das mit jeder Faser aus und deswegen fasziniert mich das auch so. Lass uns zum Abschluss nochmal auf die WM in Seefeld zurückkommen. Du bist bei Deiner letzten WM-Teilnahme in Falun Achte geworden. Ist das jetzt auch wieder Dein Ziel, oder schielst Du noch auf mehr?

Pinkelnig: Ich schiele auf gute Sprünge (lacht).

Ihr macht es mir echt nicht leicht, alle erzählt Ihr das Gleiche (lacht).

Pinkelnig: (lacht) Nein, ernsthaft. Mein Ziel ist, dass ich endlich mal zwei gleich gute Sprünge herunterbringe. Und abseits davon: Ich freue mich einfach riesig drauf. Familie und Freunde werden da sein. Ich meine, dass ich noch eine Heim-WM erleben darf. Ich, die viel zu spät eigentlich eingestiegen ist. Es ist ein weiteres Kapitel einer Geschichte, die sonst nur Hollywood schreibt. Und da kriege ich schon wieder Gänsehaut.

Erwischt, ich auch. Dann probiere ich es mal anders: Habt Ihr im Team und im Mixed eine Medaille als Ziel?

Pinkelnig: Alles der Reihe nach, jetzt machen wir erst mal das Team, dann das Einzel und dann das Mixed und schauen was bei herauskommt.

Wobei es ja schon eine Umgewöhnung ist: Ihr habt zunächst das Team und dann das Einzel, was ja wiederum bedeutet, dass die Trainer im Team nur anhand der Trainingseindrücke aufstellen können…

Pinkelnig: Ja, da hast Du schon recht. Andererseits: Die Trainer kennen uns so gut, wir sind das ganze Jahr unterwegs und sie wissen dann schon, wie sie aufstellen werden. Sie wissen, wer wie in Form ist und wir werden allemal ein schlagkräftiges Team beisammen haben. Und mich freut es ganz besonders für die Danie (Daniela Iraschko-Stolz, Anm. d. Red). Sie ist wieder ganz gesund und mit dabei, das gibt uns allen nochmal einen Push.

Dann kann es ja nun wirklich losgehen. Ich bedanke mich herzlich für Deine Zeit und wünsche Dir viel Erfolg in Seefeld!

Über Luis Holuch 59 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig.

1 Kommentar

  1. Unglaublich starke und sympathische Frau! Ich wusste nicht, was für eine schwierige Zeit sie schon durchmachen musste und auch ihr später Einstieg in den Skisprungzirkus war mir nicht bewusst. (Ihr müsst mir verzeihen, ich bin noch nicht so lange beim Skispringen dabei )
    Ich ziehe echt meinen Hut vor dieser Sportlerin!

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