Unverständnis über Anlaufverkürzung

Nach ÖSV-Protest: Jury-Mitglied verteidigt Entscheidung

Foto: Jan Simon Schäfer

Der ÖSV hat nach dem Normalschanzen-Einzel der Damen bei der WM in Oberstdorf Protest gegen die Jury eingelegt. Streitpunkt ist eine Anlaufverkürzung vor dem Sprung von Marita Kramer im Finale, die ein Jury-Mitglied nun verteidigte.

Das Normalschanzen-Einzel der Damen war noch keine Stunde vorbei, da wurde der Östereichische Skiverband (ÖSV) bereits beim Internationalen Skiverband (FIS) vorstellig. Wie der ÖSV bestätigte, wurde unmittelbar im Nachgang der ersten Medaillenentscheidung bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf ein Protest gegen die Jury eingelegt. Hintergrund war eine Anlaufverkürzung unmittelbar vor dem Finalsprung von Marita Kramer, die nach dem ersten Durchgang noch in Führung lag.

Kramer kam dann nicht über 98 Meter hinaus und verpasste eine Medaille schließlich um 1,1 Punkte. Weltmeisterin wurde Ema Klinec aus Slowenien, der nach dem ersten Sprung genau ein Punkt zu Gold fehlte. „Es geht darum, dass in diesem Wettkampf die 95 Prozent der Hillsize nicht erreicht wurden und trotzdem eine Anlaufverkürzung vonstatten gegangen ist. Schlussendlich ist Sara (Rufname von Marita Kramer, Anm. d. Red.) sogar noch mit schlechterem Wind gesprungen als die Athletinnen direkt vor ihr“, begründete Mario Stecher, der Sportliche Leiter des ÖSV den Protest.

Das erhofft sich der ÖSV vom Protest

Der zentrale Streitpunkt ist eine Regel, die besagt, dass die Jury „zusammentreten soll und muss, wenn Sprünge die 95 Prozent der Hillsize erreichen. In diesem Fall ist die Hillsize bei 106 Metern, 100,5 Meter (die Weite von Ema Klinec im Finale, Anm. d. Red.) sind knapp darunter. Damit ist dieses Zusammentreten der Jury letztlich überflüssig und eine Verkürzung auch nicht notwendig gewesen“, so Stecher weiter. Ihm gehe es allerdings nicht darum, „den Wettkampf annullieren zu lassen, sondern, dass die Leute, die an der Ampel stehen und in der Jury sind, nie mehr da oben stehen.“

Die Erfolgsaussichten des Protests lassen sich nur schwer beurteilen. Im Text des Artikels 402.1.2.1 in der Internationalen Wettkampfordnung (IWO) der FIS heißt es wortwörtlich: „Bei Erreichen von 95 Prozent der Schanzengröße (HS) muss die Jury zusammentreten und über die Anlauflänge der weiteren Sprünge des laufenden Durchganges einen Beschluss fassen.“ Klinec‘ Weite von 100,5 Metern entsprechen, wie in den Ergebnis- und Startlisten der FIS angegeben, exakt 95 Prozent der Hillsize, somit ist die Jury-Entscheidung durch diese wohl abgedeckt, wenngleich der mathematische Wert bei 100,7 Metern liegt, welcher freilich aufgrund des Messsystems im Skispringen so nicht angewendet wird.

Jury-Mitglied reagiert auf ÖSV-Kritik

Für ÖSV-Cheftrainer Harald Rodlauer war die Situation „schwer nachvollziehbar und in keinster Weise gerechtfertigt.“ Für ihn steht fest: „Man entscheidet das Ganze hier nicht sportlich. Der Wettkampf ist durch die Jury entschieden worden.“ Rodlauer stellte aber auch klar: „Ich möchte den Medaillengewinnerinnen gratulieren, die können für das Ganze nichts. Sie sind gut gesprungen und haben diese Medaillen auch verdient.“

Gegenüber dem ‚ORF‘ äußerte sich mit Saso Komovec am Freitag auch ein Jury-Mitglied zu den Vorfällen. Komovec ist als Technischer Delegierter (TD) der FIS bei der WM in Oberstdorf im Einsatz und sprach von einer „schwierigen Entscheidung“. Der Slowene argumentierte, dass man im Sinne der Sportlerin handeln wollte: „Marita ist im ersten Durchgang weit gesprungen und konnte den Sprung kaum stehen. Da können Verletzungen passieren. Im zweiten Durchgang wurde der Wind plötzlich viel besser, wir sind ein Gate runtergegangen, damit sie sicher landen kann.“ Dass die Situation so endete, tue ihm leid.

Kramer selbst suchte die Schuld nach dem Springen im ‚ORF‘ jedoch bei sich selbst: „Der Sprung war leider einer von meinen schlechten. Ich wollte einfach jeden Meter rausholen und bin dann auch noch schlecht gelandet. Ich habe gestern gesagt, wenn man schlecht landet, wird man Vierte und jetzt bin ich es. Ein verdienter vierter Platz.“ Die Verkürzung vor ihr habe sie aber nicht aus dem Konzept gebracht: „Damit muss man als Skispringerin umgehen, das sind Sachen, die passieren in jedem Wettkampf.“

Über Luis Holuch 193 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig. Kommentierte den offiziellen Live-Stream der Junioren-WM 2020 in Oberwiesenthal.

22 Kommentare

  1. Hallo,
    warum können die Termine für aktuelle Wettbewerbe nicht angezeigt
    werden? Dieses Problem ist schon öfters aufgetreten, auch in der
    letzten Saison.

  2. Man kann die ganze Sache auch mal von der anderen Seite sehen. Springt Kramer wieder so weit und stürzt am Ende noch, hat sie auch keine Medaille und verletzt sich womöglich noch. Dann sagt jeder, dass man bei ihr den Anlauf hätte verkürzen müssen.
    Klar sind die Entscheidungen der Jury zu hinterfragen und auch die Punkterichter scheinen die Noten teilweise zu würfeln, aber im nachhinein weiß jeder immer alles besser.
    Im Team hat sie ja trotz allem ihre Goldmedaille geholt und damit ist doch alles gut, zumal sie ja selbst sagt, dass ihr Sprung schlecht war.

  3. Und schon wieder wundert man sich heute. 2. Durchgang, Slowenien liegt zurück und bei besseren Windbedingungen wird der Anlauf verlängert???, damit die Sloweninnen (die längeren Anlauf brauchen) wieder nach vorne kommen können.

  4. was zur Hölle sind das für Schiedsrichter ??? bei über 100m 17,5 Punkte? He Trotteln ihr seid nur zum vergessen ich hoffe ihr macht das ehrenamtlich, weil ihr seit keinen € wert—–arschlöcher

  5. Wir wollen ja niemandem etwas unterstellen (), aber es ist doch sehr verwunderlich, dass eine Slowenin vor dem letzten Sprung der Konkurrenz führt und ein Slowene dann die Anlaufluke einen runtersetzt, obwohl der Wind nachgewiesener weise schlechter war, als bei den Springerinnen davor. Herr Komovec, Sie sollten sich schämen. Ich hoffe, dass dem Protest statt gegeben wird und Sarah Kramer den Sprung nachholen kann oder man ihr ebenfalls die Goldene gibt. Schämt euch, Jury!!!

    • Was ist daran verwunderlich, dass eine Slowenin führt? Die können ganz gut Skispringen. Und die Marita kann froh sein, dass die Jury ihr den Anlauf verkürzt, um einen schon halbwegs absehbaren Sturz zu verhindern – und nicht ihr Trainer, um einen Vorteil heraus zu kitzeln. Die Punkte für den kürzeren Anlauf hat sie so ja noch oben drauf bekommen – und musste dafür eben nicht mindestens 95 Prozent Hillsize springen.

  6. Es ist ja nichts Neues, wenn Springen durch
    merkwürdige Jury Entscheidungen manipuliert werden.
    Siehe auch letzte WM Normalschanze Herren Wettbewerb.
    Kritik wird dann lapidar abgetan.Schade,so wird dem
    Sport kein Gefallen getan.Auch bei den Sprungrichtern
    gibt es ja so ein paar Kandidaten,die gerne 1.ihre eigenen
    Sportler bevorzugen oder 2.Spinger einer gewissen Nation meist
    besser benoten als vergleichbare Andere.
    Auch dürfen die Sportler selbst kaum Kritik üben.
    Das ist dann immer gleich skandalös und unsportlich.
    Schade,sehr schade.

  7. Was erlauben die sich? Entscheidungspoker durch Anlaufverkürzung ist ja wohl immer noch Trainersache! Gut, manchmal klappt es auch nicht….

    • Was bist du denn für eine Wurst??? Der Trainer hat nicht verkürzt. Es war die Jury, obwohl die Bedingungen nachweislich schlechter waren, als bei den Damen zuvor.

  8. Unfassbar, was hier passiert ist !! Seit Jahren bin ich begeisterter Sport-Seher, aber so eine Farce musste ich noch nicht mit ansehen. Habe den Verantwortlichen Email geschrieben, dass man sich solche Bewerbe im TV sparen kann – für so einen offensichtlichen, lächerlichen Betrug ist mir die Zeit zu schade (wäre so, als wenn bei der Fussball WM ein deutscher Schiedsrichter das Finale mit Deutschland pfeifft und der Video-Assistent-Referee auch noch ein Deutscher ist… völlig absurd!!- in der Jury waren 2 Slowenen drinnen!! ;( ) — Hoffe sehr, dass sie die junge Sportlerin (Marita Kramer) nicht brechen mit solchen Methoden und sie noch stärker aus diesem Theater hervorgeht…

      • Was soll so eine Antwort?
        Mit 2 Luken mehr Anlauf, wär der Aufsprung auch völlig egal gewesen, da sie das über die Meter locker reingeholt hätte!!
        Btw. waren es 4,4 Punkte, nicht 5,5! Und auf Bronze 1,1!!!
        Für mich mitunter eine der größten Farce in der Skisprung-Geschichte!

        • Ich meinte auch 5.5 Punkte nur für die haltungsnoten. Sie landet einfach schlecht. Natürlich ist es Blödsinn zu verkürzen aber wenn sie bei so einer weite keinen ordentlichen telemark setzt dann ist sie selber schuld ohne ne Medaille nachhause zu fahren

  9. Bei so einer Entscheidung würde ich mit anderen Verbänden reden, und die WM gemeinsam boykottieren.
    Sollen sich doch die Funktionäre selbst feiern.
    Das Fernsehen soll auch mal einschreiten und Ihre Verträge mit den Veranstaltern bei solchen Fehlentscheidungen kündigen.
    Vielleicht wird es dann wieder fair!

  10. Wäre Herr Tepes nicht so lange dabei, könnte man noch an einen Fehler glauben. In diesem Fall glaube ich nicht daran. Das sieht nach gezielter und bewusster Manipulation aus. Und auch wenn diese Herren wirklich keine schlechten Absichten gehabt hätten, ihr Fehler hat einer Athletin die Medaille, vermutlich sogar den Sieg gekostet. Wenn diese Jury auch nur den Hauch von Anstand Besitz, entschuldigt sie sich bei der Sportlerin und tritt zurück.
    Der Fis kann man nur raten, um den Sport nicht vollends der Lächerlichkeit Preis zu geben, die Regeln zu ändern dass solche Schiebungsversuche erst gar nicht passieren können. 2.Durchgang gehört im übrigen annulliert. Der Zuseher hat ohnehin die Nase voll von diesem Wechselspiel mit Windgejamere.
    Grundsätzliches Ziel gleicher Anlauf für alle, Maximal 2 Verkürzungen je Durchgang, die letzte vor den besten 10.
    Darüber hinaus endlich das Material weniger Windanfällig machen, hautende Anzüge, schmälern und kürzere Ski,…
    So jedenfalls zerstört man den Sport.

  11. Es ist absolut lächerlich(traurig) das die FIS nicht auf den Fehler eingeht und meine es wäre fair gewesen.
    Es ist der gleiche sch*** wie in Cortina bei dem Doppelbewerb von Lienzberger Katharina wo ihr vorerst die Goldene vorenthalten wurde.
    Trotzdem Glückwunsch an die Gewinner sie können nichts dafür.

  12. jeden in der jury der da mitgemacht hat soll die möglichkeit genommen werden das er nie wieder so etwas machen kann ich dene die sind bestochen worden

  13. Ich kann den Protest nachvollziehen. Leider gab es in dieser Saison in meinen Augen einige merkwürdige Entscheidungen bezüglich Anlaufverkürzungen.
    Die Sportler-innen sind da leider völlig machtlos. Den Medaillengewinnerinnen trotzdem herzlichen Glückwunsch.

  14. Ich kann den Protest nachvollziehen. Leider gab es in dieser Saison in meinen Augen einige merkwürdige Entscheidungen bezüglich Anlaufverkürzungen.
    Die Sportler-innen sind da leider völlig machtlos. Den Medaillengewinnerinnen trotzdem herzlichen Glückwunsch.

  15. Ich kann den Protest absolut nachvollziehen, da es sicherlich unfair war. Trotz der Anlaufverkürzung hätte Kramer allerdings mit einer besseren Landung eine Medaille gewinnen können. Für Sara tut es mir sehr Leid und das Gefühl, dass alles gegen sie läuft, hatte man ja schon in Rasnov haben können. Hoffentlich bleibt sie mental stark und holt den Titel von der Großschanze.

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