Sven Hannawald: „Wir können Österreich Paroli bieten“

Kurz vor dem Start des Olympia-Winters 2013/2014 spricht Sven Hannawald exklusiv bei skispringen.com über die Situation der deutschen Skispringer. Außerdem verrät er, dass er sich eine Zusammenarbeit mit Martin Schmitt vorstellen könne.

Sven Hannawald ist eine Skisprunglegende. In der inzwischen 61-jährigen Geschichte der Vierschanzentournee ist er bis heute der einzige Skispringer, der alle vier Wettkämpfe gewinnen konnte. Weiterhin fiebert der 39-Jährige mit den deutschen Skispringern und hofft dabei auf große Erfolge im anstehenden Olympia-Winter.

Im exklusiven Interview mit skispringen.com-Redakteur Marco Ries spricht Hannawald über seine gerade veröffentlichte Biografie, zukünftige Aufgaben beim Deutschen Skiverband, seinen langjährigen Weggefährten Martin Schmitt und die übrigen DSV-Skispringer.

Herr Hannawald, Ihre Biografie ist seit einiger Zeit erhältlich. Wieso haben Sie sich zu diesem Zeitpunkt dazu entschieden, dieses Buch zu verfassen?

Sven Hannawald: Ich denke, dass es der richtige Zeitpunkt ist. Direkt nach dem Karriereende gab es aufgrund des Burn-outs definitv keine Möglichkeit, auch wenn es verschiedene Anfragen gab. In diesem Sommer konnte ich mir die Zeit nehmen, gemeinsam mit dem Autor Ulrich Pramann das Buch zu schreiben. Es handelt sich allerdings nicht nur um eine Biografie, sondern es soll zugleich ein Ratgeber sein. Wenn ich erkrankten Menschen einen Anstoß zur Hilfe geben kann, würde mich das freuen – das ist das eigentliche Ziel, denn das Buch war nicht für meine eigene Aufarbeitung der letzten Jahre nötig.

Der Ratgeber ist aus Ihrer Sicht also der wichtige Aspekt? Oder geht es primär darum, die eigene Geschichte zu erzählen?

Hannawald: Es geht um beides. Meine eigene Geschichte soll als Ratgeber für andere Menschen dienen. Ein reines Ratgeber-Buch von mir wäre nicht so dick geworden, also dient meine eigene Geschichte vielmehr als Beispiel.

Im Zuge der Recherche sind Sie an ihre früheren Wirkungsstätten – beispielsweise Johanngeorgenstadt und Klingenthal – zurückgereist. Wie hat Sie das emotional berührt?

Hannawald: Zum einen war Demut dabei, zum anderen aber auch ein bisschen Schmunzeln. Ich kam an Orte, die mich an schöne Momente meiner Kindheit erinnert haben. Doch ebenso musste ich einige weniger schöne Entwicklungen zur Kenntnis nehmen: In Johanngeorgenstadt habe ich angefangen, doch dort liegt mittlerweile vieles Brach. Professioneller Wintersport ist dort nur noch mit 200-prozentigem Einbringen der Trainer möglich.

Mit Ihrem Buch sind Sie aktuell viel unterwegs. Dabei treffen Sie auf langjährige Wegbegleiter – Ihre Fans, Wintersport-Anhänger und vielleicht den ein oder anderen Journalisten, den Sie aus früherer Zeit kennen. Wie erleben Sie diese Begegnungen?

Hannawald: Es ist eigentlich das erste Mal, dass ich viele dieser Menschen abseits vom Skispringen treffe. Mich freut es sehr, sie wieder zu treffen – aber ebenso habe ich mit einigen neuen Personen zu tun. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Treffen mit den ehemaligen Teamkollegen und Trainern, die im Buch teilweise zu Wort kommen: Martin Schmitt, Wolfgang Steiert oder mein erster Skisprungtrainer Erich Hilbig. Mit ihnen habe ich mich einige Zeit unterhalten.

Was empfinden Sie als anstrengender: Skispringen, Motorsport oder die Vorstellung Ihres Buches?

Hannawald: Die Buchpräsentation ist für mich etwas ungewohnt. Es strengt natürlich an, aber es ist auch Spaß dabei. Ich reise in Städte wie Rostock oder Warnemünde, die Zeit hatte ich damals nicht. Deshalb genieße ich die Zeit nun umso mehr. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn 100 Leute im Raum sitzen und man bei den Signierstunden mit den Leuten ins Gespräch kommt. Motorsport ist vielmehr ein Hobby. Im Motorsport fahre ich nicht um den WM-Titel mit, es ist wie beim Fußball – beide Sportarten sind ein schöner Ausgleich. Skispringen war für mich am Anfang noch ein Genuss. Je länger ich den Sport betrieben habe, desto mehr wurde es zur Arbeit, desto anstrengender war es dann auch Erfolg zu haben bzw. ihn aufrechtzuerhalten.

Man kann sagen, dass Sie vom Burn-out geheilt sind. Besteht nicht dennoch die Möglichkeit, dass das Syndrom zurückkehrt, wenn man wieder einen stressigen Alltag hat?

Hannawald: Es kommt darauf an, ob man nach den Behandlungen gelernt hat, damit umzugehen. Ich bekomme sehr viele Zuschriften, in denen mir einige Leute schreiben, dass sie rückfällig geworden sind. Ich habe mir bewusst die Zeit genommen, alles über mich zu lernen, was ich mir zumuten kann. Es gibt aber auch viele Leute, die ganz andere Voraussetzungen haben, die mehr tun müssen, um nicht wieder in den Perfektionismus zu verfallen. Den hatte ich zu Beginn ebenfalls, aber ich habe jetzt gelernt, dass ich locker bleibe. Als ich mit dem Skispringen anfing, hatte ich Spaß und war mit viel Freude bei der Sache. Irgendwann habe ich das Skispringen nur noch als pure Arbeit empfunden. Für mich war es schwierig, mich über Wettkämpfe zu freuen, die ich gewonnen habe obwohl die Sprünge nicht gut waren. Mit Hilfe des Buchs kann ich nun Tipps geben, ein paar Regeln habe ich aufgeschrieben, den Rest muss jeder für sich selbst lernen.

Die ersten Jahren nach Ihrem Burn-out haben Sie sich an den Schanzen rar gemacht. Nun sieht man Sie immer öfter an den Anlagen. Wie viel Kontakt haben Sie noch zum Skispringen und zur deutschen Mannschaft?

Hannawald: Der Kontakt zur deutschen Mannschaft ist nicht mehr so intensiv. Es ist nicht so, dass ich einmal im Monat Werner Schuster anrufe. Er hat seine Aufgaben zu erledigen und ich bin aktuell in einem anderen Lebensabschnitt. Aber es gibt immer wieder Tage, an denen man sich trifft, sich kurz unterhält. Im Sommer hatte ich ein Gespräch mit dem Deutschen Skiverband, bei dem Werner Schuster mit dabei war. Wir haben ausgelotet, wie ich mich einbringen könnte.

Können Sie sagen, was besprochen wurde?

Hannawald: Wir haben uns ausgetauscht, es ging speziell um den Nachwuchs. Wir haben geschaut, wo es noch Lücken gibt, es war das erste Treffen. Ich denke schon, dass wir etwas finden werden, wo ich unterstützen kann. Ich bin aber nicht derjenige, der beim Nachwuchs alles umkrempelt, denn es läuft, da brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Es geht vielmehr um den Nachwuchs, der in einem bestimmten Alter ist, sportlich nicht weiterkommt und ans Aufhören oder einen Wechsel denkt. Wir sind am Überlegen, in diese Richtung etwas zu machen.

Wäre eine Zusammenarbeit im Nachwuchsbereich mit Martin Schmitt denkbar?

Hannawald: Es wäre eine Möglichkeit, gemeinsam etwas aufzubauen, dann macht nicht jeder sein eigenes Projekt. Im Wettkampf war Martin für mich zwar immer ein Konkurrent, aber wir haben uns immer respektiert. Wenn wir uns jetzt treffen, dann müssen wir schon schmunzeln, wenn wir an die Zeit denken. Neidisch auf den anderen sind wir nicht.

Martin Schmitt und Sie waren verantwortlich für den Skisprungboom, den es Anfang der Jahrtausendwende in Deutschland gab. Schmitt ist weiterhin aktiv und kämpft um die Olympia-Teilnahme in Sotschi. Trauen Sie ihm zu, dass er sein Ziel erreichen kann?

Hannawald: Ich hoffe es für ihn. Ich weiß ebenso wie auch er, dass es schwierig wird. Das Positive in Deutschland ist, dass es mit dem Skispringen wieder aufwärts geht, junge Springer rücken nach. Für Martin macht es diese Situation natürlich noch schwieriger, aber er hat die Erfahrung. Dennoch tut er sich schwer, aber immer wenn ich mit ihm gesprochen habe, erwähnte er zwei, drei Baustellen, die er noch ändern kann und möchte. Er ist nach wie vor motiviert, er will weiter kommen und dementsprechend soll er erst aufhören, wenn er kein grünes Signal mehr hat.

Es gibt immer wieder Kritiker, die ihm ein Karriereende nahe legen. Können Sie nachvollziehen, dass er an seinem Ziel festhält, obwohl die großen Erfolge zuletzt ausgeblieben sind?

Hannawald: Ja, ich bewundere Martins enormen Ehrgeiz. Ich habe Respekt davor, dass er als ehemaliger Weltmeister weitermacht. Ich wüsste nicht, ob ich in dem Alter noch gesprungen wäre, wahrscheinlich hätte ich die Bretter schon viel früher in die Ecke geworfen. Martin lässt sich einfach nicht beirren, auch nicht von kritischen Stimmen. Wenn er von etwas überzeugt ist, dann geht er seinen Weg. Das ist genau das, was ihn auszeichnet. Er ist es dann auch, der sagt, dass er aufhört und niemand sonst.

Das zweite Phänomen im Skispringen heißt Janne Ahonen, kommt aus Finnland und startet sein zweites Comeback mit 36 Jahren. Er will ebenfalls zu den Olympischen Spielen nach Sotschi. Sein Ziel: die Goldmedaille, weil er die noch nicht hat. Sie sind ebenfalls noch gegen ihn gesprungen. Was trauen Janne Ahonen zu?

Hannawald: Das muss man abwarten. Im Sommer hat Janne schon mal aufhorchen lassen. Mit seinen Leistungen hat er gezeigt, dass er immer konkurrenzfähig ist, egal von wo er kommt. Ich bin sehr gespannt, denn man hat gesehen, dass sich die Nationen unterschiedlich auf die kommenden Saison vorbereitet haben – nicht so sehr auf den Fokus auf den den Sommer gelegt haben. Ich finde es spannend, dass Ahonen wieder angefangen hat. Das zeigt, das Einzelne das Skispringen bis ins hohe Alter nicht loslässt. Und das freut mich. Das gibt wieder Spannung für die kommende Saison, es wird auf keinen Fall langweilig.

Gespannt sein darf man auch auf die deutsche Mannschaft, die im Sommer sehr erfolgreich war. Was trauen Sie dem Team von Bundestrainer Werner Schuster zu? Welchen Athleten würden Sie besonders herausstellen?

Hannawald: Da gibt es keinen bestimmten. Es kommen sehr viele junge Leute nach, die Entwicklung verläuft sehr positiv. Angefangen hat es mit Severin Freund über Richard Freitag, dann kommt jetzt auch wieder Michael Neumayer, der sich gute Leistungen wieder erarbeitet hat, und Andreas Wellinger. Bei den Deutschen Meisterschaften ist mit Marinus Kraus ein weiteres junges Talent nach vorn gesprungen. Ich könnte mich nicht festlegen. Nach seiner Verletzung muss Richard Freitag wieder aufholen. Ab und zu ist es gar nicht so schlecht, mal aus dem ganzen Rhythmus herauszukommen. Das muss nichts Negatives heißen, er hat natürlich einen kleinen Nachteil, aber ich mache mir diese Saison keine Gedanken. Andreas Wellinger wird sich anbieten nach seinem Sieg im Sommer-Grand-Prix. Ich bin froh, dass es in der deutschen Mannschaft gleichmäßig gut besetzt ist. Lässt mal einer aus, dann können drei andere in die Bresche springen, um den Österreichern mal schön Paroli zu bieten.

Wagen wir mal einen Blick in die Zukunft: Andreas Wellinger gewinnt die Vierschanzentournee mit vier Einzelsiegen. Könnten Sie sich darüber freuen?

Hannawald: Ich würde mich wohl über den deutschen Sieg freuen. Ich weiß, was dazu gehört, um alle vier Springen zu gewinnen. Ich hätte auf jeden Fall einen Heidenrespekt, wenn es jemand schaffen würde. Ich möchte jetzt keine großen Erwartungen schüren. Man hat es bei der vergangenen Tournee gesehen: Sobald Druck dazukommt, dann wird es nicht mehr so einfach mit den Sprüngen. Ich tue Andreas Wellinger keinen Gefallen, wenn ich sage würde, dass ich ihm einen Vierfach-Sieg zutraue. Ich freue mich, egal welcher deutsche Springer ganz oben steht. Wichtig ist, dass es nicht mehr so langweilig wird, dass die Österreicher gehörig Paroli bekommen. Das tut dem Sport einfach gut.

Werden Sie bei einzelnen Wettkämpfen wieder vor Ort sein?

Hannawald: Ich werden mit meinem Buch von Donnerstag bis Sonntag beim Auftakt in Klingenthal sein. Ich freue mich neben der Buchpräsentation eine schöne Zeit zu haben, mich zu bewegen und keinen Terminstress zu spüren. Bei der Tournee werde ich wieder für den Fernsehsender Sky im Einsatz sein. Vor der Qualifikation in Oberstdorf werde ich außerdem in einer Buchhandlung eine Signierstunde geben.

Motorsport ist jetzt Ihre neue Passion. Wie sind Sie dort derzeit aktiv?

Hannawald: Ich bin in diesem Jahr das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring gefahren, allerdings nicht bis zum Ende. Ich war nicht so erfolgreich, habe das Auto nicht ins Ziel gebracht. Mein Kumpel und ich haben uns zwei Rennkarts zugelegt, damit ich ein bisschen üben kann. Außerdem bin zur Weihnachtsfeier meines ehemaligen Teams eingeladen. Da werde ich mal schauen, was das Team im kommenden Jahr fährt. Es gibt zwei Möglichkeiten: ADAC GT Masters oder VLN (Langstreckenmeisterschaft am Nürburgring; Anm. d. Red.). Bei letzterem habe ich schon ein wenig Blut geleckt, aber ich habe auch gesehen, dass es dort gefährlicher zugeht. Für mich ist zudem wichtig, dass ich in einer gemischten Rennserie aus Profis und Amateure mitfahre. Ich möchte schon gern das Gefühl erleben, dass ich den einen oder anderen überholen kann. Wenn ich nur bei den Profis mitfahren würde, dann käme sicherlich der Spaß zu kurz, wenn mich alle mehrfach überrunden.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch. Wir wünsche einen spannenden Skisprung-Winter.

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