Walter Hofer und Sandro Pertile

FIS-Doppelspitze vor Saisonstart: "Sind in ruhigem Fahrwasser"

Foto: Eberhard Thonfeld

Das Skispringen ist in einer Übergangsphase: Eine Saison ohne Nordische Ski-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. Und doch hatten Walter Hofer und Sandro Pertile beim Forum Nordicum in Antholz einiges zu berichten.

Für FIS-Renndirektor Walter Hofer war es das letzte Forum Nordicum in seinem derzeitigen Amt. Und doch begann er seinen Vortrag wie eh und je, nämlich mit einem Lacher. „Liebe Ski-Freunde, zur Vorbereitung auf diese Präsentation habe ich mir mal meine alten angeschaut und muss wirklich zugeben: Ich habe euch in den letzten Jahren einiges zugemutet.“ Viele der nordischen Skijournalisten, die alljährlich – diesmal in der Südtirol-Arena in Antholz – zusammenkommen, wussten schon, was der Österreicher damit meinte.

Für den Rest listete Hofer die Themenschwerpunkte akribisch auf: „Schanzenprofile, Flugkurven, Winkelstellungen, Anzüge, Schnittmuster, Skilängen, Gewichtsproblematik und dann kamen auch noch Wind- und Gateregel.“ Es ist wahrhaftig viel passiert, seitdem der 64-Jährige 1992 seine Amtsgeschäfte aufnahm. Und er erinnerte sich an einen früheren Kollegen aus dem FIS-Komittee, der für den Skilanglauf zuständig war, der stets nach Hofer über seine Sparte informierte und sagte: „Keine Neuerungen im Skilanglauf.“

„Es gibt im Skispringen keine Regeländerungen“

Hofer selbst musste in seine 28. Saison und das Forum Nordicum in seine 40. Ausgabe gehen, ehe der Tag gekommen war, an dem er sagen konnte: „Es gibt im Skispringen keine Regeländerungen.“ Nach einem kurzen Schmunzeln berichtete Hofer zufrieden darüber, dass das Skispringen sportlich in einem ruhigen Fahrwasser ist und, dass es in den vergangenen Jahren trotz Seriensiegern wie Peter Prevc (Slowenien), Kamil Stoch (Polen) oder Stefan Kraft (Österreich) pro Saison im Schnitt zehn unterschiedliche Sieger gab.

Hofer räumt Mitschuld der FIS bei Knieverletzungen ein

Eine kleine Änderung gab es aber doch: Das Reglement für die Sprungski wurde gelockert. „Der Sprungski, wie auch der restliche Teil der Ausrüstung, ist kein Produkt, das wir über eine Ladentheke an die breite Masse verkaufen können“, führte Hofer aus. Bislang war jedoch die Regel, dass nur Firmen, die auch Ski bauen, ihre Markennamen darauf verwenden dürfen – mit Ausnahme von fluege.de, BWT oder auch Löffler. Dieser Passus wurde nun korrigiert und erlaubt nun auch anderen Marken, aber auch den Skiverbänden den Ski kommerziell zu nutzen. Damit, dass nun die größeren Skiverbände, wie beispielsweise DSV, ÖSV, der polnische oder norwegische Verband auf die Idee kämen, einen eigenen Ski zu entwickeln, „rechne ich nicht“, so Hofer.

Zur Sprache kam in diesem Zusammenhang dann auch die gestiegene Zahl der Verletzungen, insbesondere rund um das Knie. „Daran sind wir von der FIS sicher nicht ganz unschuldig“, schob Hofer vorneweg. Durch die neuen Spursysteme habe sich ein latentes Problem in den letzten Jahren entwickelt, nämlich: „Das Material der Athleten ist nicht fürs Skifahren gemacht, sondern wird rein auf die Aerodynamik entwickelt. Das ist zwar im Flug keineswegs verkehrt, denn bessere Aerodynamik bedeutet auch höhere Sicherheit. Aber wir haben das Problem nicht aus der Welt geschaffen, sondern von der Anlauf- und Flugphase auf die Landung und Ausfahrt transferiert.“

Das bedeutet für die Athleten ein völlig anderes Verhalten als früher: „Man landet mit nur einem Bein und muss den Ski an diesem Bein auch noch aufkanten, ehe man überhaupt den Telemark mit dem anderen Bein setzt. Das ist zwar am Fuß sehr stabil, aber nicht am ersten Weichteil von unten, was eben das Knie ist. Durch die Winkelstellungen kann es dann leichter zu Verletzungen kommen“, erläuterte der Renndirektor. Die naheliegendste Lösung wäre eine neu reglementierte Bindungsform, doch diese lasse sich nicht vorschreiben, solange man nicht wissen, was diese dann für die Flugphase bedeute. „Wir sind auf der Suche, aber ich kann leider nicht die Lösung präsentieren“, gab Hofer zu.

Pertile bringt bereits eigene Ideen ein

Sein Nachfolger Sandro Pertile ließ es sich nach Ergreifung des Worts nicht nehmen, seinem Mentor zu danken: „Wir arbeiten schon seit 20 Jahren zusammen und er hat mir in dieser Zeit sehr geholfen. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich sein Amt übernehmen darf, weiß aber, wie alle anderen auch, dass das eine große Herausforderung wird.“ Diese Art Staffelstabübergabe fand passenderweise in Antholz statt, denn der Ort der Biathlon-Weltmeisterschaften vom 12. bis 23. Februar ist Pertiles zweite Wirkungsstätte sein. Dort ist er TV-Beauftragter und wird deshalb in dieser Zeit nicht mit dem Skisprungtross unterwegs sein, „ansonsten aber den gesamten Winter über“.

Obwohl er betonte, dass die österreichisch-italienische Zusammenarbeit auch über den Winter hinaus andauern wird, hat der zukünftige Renndirektor bereits eigene Ideen und Projekte initiiert. So stellte er ein Programm für Wettkampfleiter vor, das bereits im letzten Sommer eingeführt wurde. „Es soll die Wettkampfleiter besser auf alle denkbaren Situationen während eines Wettkampfs vorbereiten – und das in allen Wettkampfklassen“, erklärte er.

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So wird es eine E-Learning-Plattform geben, die von überall aus nutzbar sein soll, sowie zweitägige Schulungen im Rahmen von Wettkämpfen. „Dort sollen dann Kandidaten für den Posten des Wettkampfleiters von ihren Kollegen lernen. Mit diesem Konzept wollen wir das Ausbildungslevel aller Jury-Mitglieder anheben. Das muss auch sein, denn das Skispringen ist ein hochprofessioneller Sport geworden – und genauso sollte das bei uns Offiziellen auch sein“, so Pertile.

FIS-Entwicklungscamps immer gefragter

Das Credo der FIS, dass neben einer dichten Weltspitze auch eine ausgeprägte Breite zum Skisport dazugehört, wird seit 2013 durch ein Entwicklungsprogramm gefördert. Dieses gibt es nicht nur für die nordischen Disziplinen, sondern auch für Ski Alpin und Freestyle. Über das Jahr verteilt gibt es mehrere Trainingscamps, wo je ein Mann und eine Frau, sowie ein Trainer pro Nation teilnehmen dürfen. Finanziert wird das Ganze auch durch Mittel des Weltskiverbandes selbst.

„Diese Camps sind vor allem für die Nationen gedacht, deren Athleten zu Hause keine Anlagen vorfinden, die auf Top-Niveau sind“, führte Pertile aus und nannte dafür beispielhaft Nationen wie Weißrussland, Bulgarien, Georgien, Ungarn, Lettland, die Slowakei und die Ukraine. Bei den letzten beiden Camps waren sogar erstmalig Teilnehmer aus Serbien dabei – einem Land, das nun wahrlich nicht für seine Skisprunghistorie bekannt ist. 17 Camps gab es seit 2013, seitdem haben sich die Nationen- und Teilnehmerzahlen verdoppelt (von acht und 14 auf 16, respektive 30). Die Tendenz ist weiterhin steigend, was definitiv eine gute Nachricht für das Skispringen ist.

Auch interessant: Im Rahmen der DSV-Einkleidung wurde Markus Eisenbichler eine besondere Ehre zuteil. Der dreifache Weltmeister wird von den Athleten aller DSV-Disziplinen ausgezeichnet.

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Über Luis Holuch 72 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig.

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