Springerinnen berichten von Problemen

BMI-Regel sorgt für Zoff im polnischen Verband

Foto: Anna Karczewska / PZN

Als einzige große Nation ist Polen kein fixer Bestandteil der Weltspitze des Damen-Skispringens. Der Verband sorgt nun mit der Einführung einer BMI-Regel für Wirbel, zwei Springerinen offenbaren daraufhin ihre Probleme.

Während die polnischen Fans bei den Herren mit Ausnahme der vergangenen Saison regelmäßig Titel und Erfolge bejubeln dürfen, herrscht im Lager der Damen Tristesse. Keine Siege, keine Podestplätze und lediglich jeweils ein Top-Ten-Platz im Weltcup und Sommer-Grand-Prix: Die Bilanz des polnischen Damen-Teams seit Einführung des Weltcups in der Saison 2011/2012 ist mager, vor allem verglichen mit den anderen Top-Nationen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Nach internen Querelen im letzten Winter entschied man sich zur neuen Saison die Trainingsgruppe aufzuteilen – einen Nationaltrainer gibt es faktisch nicht mehr. Lukasz Kruczek, der vorher dieses Amt hatte, wurde abberufen und fungiert nun mehr als Skisprung-Koordinator beim Verband PZN. Das Training der Skispringerinnen übernehmen andere: Nämlich die Coaches der jeweiligen Trainingszentren in Szczyrk und Zakopane, sowie im Podhale und den Beskiden. Das betrifft auch die drei Springerinnen des Nationalteams Nicole Konderla, Kinga Rajda und Kamila Karpiel.

BMI-Regel sorgt für Wirbel

Zumindest erstere präsentiert sich aktuell in solider Form und fuhr mit Platz 15 in Wisla ihr bestes Sommer-Grand-Prix-Ergebnis sowie zwei dritte Plätze in Szczyrk und eine Woche später in Einsiedeln zwei Siege im FIS-Cup ein. Kleine Erfolgserlebnisse, die aktuell dringend benötigt werden, schließlich schrieb der Verband jüngst nur neben der Schanze Schlagzeilen. ‚TVP Sport‘-Journalist Mateusz Lelen berichtete bereits Ende Juli davon, dass PZN eine Regel nur für Skispringerinnen eingeführt habe, wonach der Body-Mass-Index (BMI) der Springerinnen maximal 21 betragen dürfe, ansonsten würde ihnen die Förderung gestrichen.

Der neue PZN-Präsident und Ex-Weltklassespringer Adam Malysz bestätigte dies gegenüber dem Portal ’sportowefakty.pl‘ und argumentierte: „Es ist ein sehr brutaler Sport. Das Gewicht spielt eine große Rolle und da gibt es keine Gnade. Mit einem BMI von 24 oder 25 hat man keine Chance.“ Auch Szczepan Kupczack, ein Nordischer Kombinierer, der die Beskiden-Gruppe trainiert, befürwortet dies. „Ein BMI von 21 ist ein normaler Wert für eine gesunde Person. Es ist nicht so, dass wir etwas ungeheuerliches verlangen. Jeder akzeptiert das“, sagte er ’skijumping.pl‘.

Aus Norwegen, das seit jeher mindestens eine Top-Springerin stellte, waren jedoch andere Töne zu vernehmen. Teammanager Clas Brede Braathen sagte der Zeitung ‚VG‘: „Es sieht so aus als müsste Polen im Damen-Bereich mehr investieren. Ich persönlich würde dann aber versuchen, Wissen und Expertise zu vermitteln, um aufzuzeigen, was besser werden kann. Nur auf diesen einen Faktor zu setzen, finde ich seltsam.“ Maren Lundby, die an ihrem 28. Geburtstag, dem 7. September, nach 553 Tagen gewichtsbedingter Pause ihre ersten Sprünge machte, bezeichnete die BMI-Regel als „sehr rückschrittlich.“ Teamkollegin Silje Opseth schrieb auf ‚Instagram‘: „Ich denke, es gibt nachhaltigere Wege, um an der Entwicklung zu arbeiten – für die aktuell aktiven und zukünftige Springerinnen.“

Bewegendes Geständnis von Anna Twardosz

Im Rahmen des FIS-Cups in Szczyrk meldete sich mit Anna Twardosz eine polnische Skispringerin ebenfalls via ‚Instagram‘ zu Wort. Sie hatte bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf Rang 24 auf der Großschanze belegt, konnte ihre Form danach aber nicht mehr aufrechterhalten und verfehlte stets die Top 30 im Weltcup und Sommer-Grand-Prix. Nun eröffnete sie auch warum: „Ich leide seit ein paar Jahren an Bulimie und Depressionen. Ich möchte keine Entschuldigungen für mein Gewicht finden, aber einige Personen wissen lassen, wie es ist.“

Ihr sei klar, dass sie diese Saison keine weiteren internationalen Wettkämpfe bestreiten könne, „weil mein BMI zu hoch ist, was nicht hilft. Ich bin keine Heilige, aber ich gebe jeden Tag mein Bestes, also steckt mich nicht in eine Schublade.“ Mit ihrem Posting wolle sie auch eine Stimme für diejenigen sein, „die auch mit diesen Problemen zu kämpfen haben. Wir sind nicht allein!“ Die 21-Jährige erhielt daraufhin zahlreiche Kommentare, in denen aktive und ehemalige Athletinnen und Athleten ihr Mut zusprachen und Kraft wünschten.

Karpiel: „…dann wird es meine letzte Saison sein“

Kurz darauf ging mit Kamila Karpiel auch eine Springerin aus dem Nationalteam an die Öffentlichkeit. Auf ihrem Twitter-Account gab sie bekannt, dass auch sie von PZN keinerlei Unterstützung erfahre, da ihr BMI die festgelegte Grenze überschreite: „Selbst bei der WM in Seefeld (dort fuhr sie als 23. das beste WM-Ergebnis einer Polin überhaupt ein, Anm. d. Red.) habe ich ‚zu viel‘ gewogen.“ Zudem stellte sie klar: „Ein niedriger BMI alleine springt nicht. Er hilft, aber er ist nicht alles. Mit diesem System darf ich nur an nationalen Wettkämpfen teilnehmen. Und wenn es so weitergeht, dann wird dies meine letzte Saison sein.“

Im Fortlauf des Statements offenbarte sie ihr persönliches Dilemma: „In dieser Phase benötige ich psychologische, diätetische und finanzielle Hilfe.“ Sie sei aktuell „nicht in der Lage zu trainieren, weil ich zwei Jobs brauche, um mich selbst zu ernähren, deswegen bin ich auf der Suche nach finanzieller Unterstützung.“ Sie verspüre, dass ihre Liebe zum Skispringen immer mehr weiche. „Nichts hat mir in meinem Leben so viel Schmerzen und Leid bereitet“, so die 21-Jährige weiter, deren oberste Priorität klar ist: „Die Gesundheit ist das Wichtigste!“

Verband und Trainer kontern Karpiels Aussagen

Der Verband PZN äußerte sich in Person von Generalsekretär Jan Winkiel gegenüber ’sportmarketing.pl‘ erstmals zur Causa. Winkiel machte klar, „dass wir uns nicht auf eine Balgerei in den Medien einlassen werden. Stattdessen fokussieren wir uns auf unsere organische Arbeit und das Schaffen von Bedingungen zur Entwicklung unseres Sports.“ Der Funktionär bekundete zudem, dass „wir leider nichts über die fehlenden Ressourcen der Athletin gewusst haben, da sie uns darüber nicht informiert hat.“ Den Vorwurf, dass Karpiel keine Hilfe bekäme, wies er zurück. Vielmehr stünden ihr ein Trainer, Ernährungsberater, Bekleidung, ein Arzt, sowie im Falle einer Verletzung entsprechende Versicherung und Behandlung und auf Antrag auch ein Psychologe zur Verfügung.

Auch Marcin Bachleda, der in Karpiels Heimatort Zakopane als Trainer arbeitet, wurde vom Portal ’sport.pl‘ auf ihre Äußerungen angesprochen und ließ durchblicken: „Es ist schwierig für einen Trainer, wenn er weiß, dass eine Athletin Potenzial hat, sie aber nicht von sich aus an sich selbst arbeitet. Dann tut es mir leid, dann wird auch der Trainer nicht helfen und sie hilft sich selbst damit auch nicht. Am Ende herrscht Stillstand.“ Womit der ehemalige Skispringer auch den Status Quo des polnischen Damen-Skispringens (eher ungewollt) treffend beschrieben hätte.

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Über Luis Holuch 326 Artikel
Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig. Kommentierte den offiziellen Live-Stream der Junioren-WM 2020, sowie die FIS-Classics-Serie und auch die Continentalcup-Finals in der Nordischen Kombination.

2 Kommentare

  1. Nochmal: Traurig! Und sehr traurig was Athleten sich zumuten (müssen) an Diäten etc. um bei diesem Magerwahn vorn mit dabei zu sein. Habe einiges dazu gelesen bei Ahonen, Hannawald, Schmidt oder Forfang… Und dann kommt noch der polnische Verband daher und unterwandert mit seinen Gewichtsbeschlüssen im Frauenspringen die Bemühungen der FIS, dieses Problem halbwegs in den Griff zu bekommen… Ich hätte von Herrn Malysz mehr erwartet. Zwischen einem BMI von 21 und 24/25 liegen doch wohl so viele Kilogramm dass ich diese Aussage von Nalysz nicht ernstnehmen kann. Ist man mit einem BMI von 21,5 oder 22 so eine fette Wanze dass sich Förderung nicht lohnt? Widerliche Einstellung…

  2. Wieder ein unfassbar guter Artikel von Louis Holuch: informativ, sachlich fundiert bis ins Detail und fein abgewogen ohne jeden polemischen Twist.

    Die Polen haben ihre eigenen Methoden, das gilt in allen Bereichen. Wenn sie der Ansicht sind, dass es so für ihre Sportler*innen am besten funktioniert, wird Kritik daran wenig ausrichten. Aber ich denke nicht, dass die Verbände anderer Nationen das für nachahmenswert befinden. (Außer vielleicht bei uns, da kann man es nie wissen…)

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