Raw Air: Stoch triumphiert, Kraft holt Gesamtsieg

Kamil Stoch feiern beim Raw-Air-Finale in Vikersund den Tagessieg. Andreas Wellinger führt zur Halbzeit, ist im Finale bei schwierigen Bedingungen aber chancenlos und vergibt den Gesamtsieg – Tränen bei Wellinger, Jubel bei Kraft.

Bis zum letzten Sprung sah es danach aus, als könnte Andreas Wellinger seinen Vorsprung bei der Raw-Air-Tour ins Ziel bringen, doch dann folgte der bittere Absturz des 21-jährigen Deutschen. Mit 242 Metern führte Wellinger das Feld nach dem ersten Durchgang an, im Finale spielte dann der Wind aber nicht mit.

Tränen bei Wellinger

Schon Wellingers ärgster Verfolger, Doppel-Weltmeister Stefan Kraft, hatte während der Luftfahrt mit enormen Problemen zu kämpfen, kam nicht über 215 Meter hinaus. Der Österreicher, nach dem ersten Durchgang noch an dritter Stelle gelegen, fiel auf den fünften Platz zurück. Dann kam Wellinger – und der kam bei wenig Aufwind und wenig Anlauf nicht über schwache 166 Meter hinaus. Vorsprung in der Gesamtwertung der Raw-Air-Tour verspielt. Kraft jubelte über den ersten Raw-Air-Gesamtsieg, bei Wellinger floßen hingegen bittere Tränen.





Im Kampf um den Tagessieg war Kamil Stoch an diesem Tag der Beste. Der polnische Doppel-Olympiasieger erzielte mit 238,5 und 237 Metern insgesamt 466,6 Punkte und ließ damit den überraschend starken Noriaki Kasai. Der 44-jährige Japaner bewies mit 239,5 und neuer persönlicher Rekordweite von 241,5 Metern (448 P.), dass er auch im fortgeschrittenen Alter zu den weltbesten Skifliegern zu zählen ist. Dritter wurde der Österreicher Michael Habyöck mit Weiten von 241,5 und 222,5 Metern (430,4 P.).

Stochs große Worte nach seinem Sieg

Der siegreiche Kamil Stoch fand nach dem Wettkampf große Worte, widmete seinen Sieg dem deutschen Konkurrenten: „Es war ein verrückter Wettkampf. Im Skifliegen werden kleine Fehler sofort bestraft, das hat man heute gesehen. Aber ich freue mich sehr über meinen heutigen Sieg. Ich widme diesen Sieg aber Andreas Wellinger, der noch jung ist und heute bitter verloren hat.“

Geiger fliegt so weit wie einst Romoeren

Neben Wellinger, der am Ende nur den 18 Platz belegte, wusste beim Finale der Raw-Air-Tour aus der Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster nur Karl Geiger zu überzeugen. Der Oberstdorfer jubelte schon im ersten Durchgang über eine neue persönliche Bestmarke von 227 Metern, die er im Finale noch einmal deutlich auf 239 Meter hochschrauben konnte. Damit ist der 24-Jährige genauso weit gesprungen wie einst der norwegische Skiflug-Spezialist Bjoern Einar Romoeren, der mit dieser Weite zehn Jahre lang den Weltrekord gehalten hat. „Es hat mich vom Hang einfach weggesaugt. Das war zum Genießen, einfach Hammer“, so Geiger, der als Elfter bester Deutscher wurde.

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Daneben sammelte von den DSV-Skispringer nur Richard Freitag weitere Weltcuppunkte. Doch der Sachse blieb erneut unter den Erwartungen, kam im Finale nicht über schwache 128 Meter hinaus und belegte nur den 30. Platz.

Eisenbichler scheidet aus – Schuster: „Kein Selbstvertrauen“

Keinen guten Tag erwischte hingegen Markus Eisenbichler. Der 25-jährige Deutsche, der schon im Team-Wettkampf vom dritten auf den sechsten Platz zurückgefallen ist, kam nicht über enttäuschende 145,5 Meter und verpasste mit Platz 37 ebenso wie Team-Olympiasieger Andreas Wank (38.) den Sprung ins Finale. „Er hat das Selbstvertrauen – und ohne Selbstvertrauen kann man nicht Skifliegen“, urteilte Bundestrainer Werner Schuster über Eisenbichler, der hoffnungsvoll in die Raw-Air-Tour gestartet war.

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Johann Andre Forfang belegte als bester Norweger beim „Heimspiel“ mit neuer persönlicher Bestweite von 245,5 Metern im Finaldurchgang den vierten Platz. Andreas Stjernen (9.), Robert Johansson (10.) und der gestern durch Stefan Kraft entthronte Weltrekordhalter Anders Fannemel (13.) komplettierten ein starkes Mannschaftsergebnis der Norweger.

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Der erst 17-jährige Slowene Domen Prevc verbesserte seine persönliche Bestmarke kontinuierlich und belegte mit 236,5 und 243,5 Metern den achten Platz hinter seinem älteren Bruder Peter Prevc (6.) und Jurij Tepes (7.).

Flugshow in beiden Durchgängen, Bickner stürzt schwer

Richtig ins Fliegen kamen am letzten Wettkampftag am Vikersundbakken auch der Japaner Daiki Ito (12.), der mit 243 Metern ebenso wie der Italiener Alex Insam (217,5 m) einen neuen Landesrekord aufstellte.

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Das hätte auch Simon Ammann fast geschafft: Der Schweizer Viefach-Olympiasieger segelte auf 239,5 Meter, griff bei der Landung jedoch in den Schnee und kassierte entsprechend hohe Punktabzüge. Mit 230 Metern im Finale belegte Ammann am Ende den 16. Platz.





Für eine Schrecksekunde sorgte der US-Amerikaner Kevin Bickner, der im ersten Durchgang mit 244,5 Metern noch einen neuen nordamerikanischen Rekord aufgestellt hat: Bei der Landung seines zweiten Sprungs auf 234,5 Meter kam der 20-Jährige schwer zu Sturz und musste im Schanzenauslauf von Sanitätern behandelt werden. Inzwischen gab Bickner Entwarnung.

Tande scheidet vorzeitig aus

Neben den beiden Deutschen Eisenbichler und Wank verpassten mit dem Österreicher Markus Schiffner (31.), dem Norweger Daniel Andre Tande und dem Russen Evgeniy Klimov (36.) weitere prominente Namen den Einzug in den zweiten Durchgang.

Raw Air: Stoch vorne, Wellinger nur Dritter

Mit seinem Sieg beim Finale in Vikersund sichert sich Stefan Kraft mit insgesamt 2298,1 Punkten den Gesamtsieg der ersten Raw-Air-Tour. Der Österreicher überholt mit dem fünften Platz beim dritten Einzelspringen der Tour Andreas Wellinger und staubt das Extra-Preisgeld in Höhe von 60.000 Euro ab. Kamil Stoch wird mit 2272,6 Zählern Zweiter (30.000 Euro), Andreas Wellinger fällt mit 2251,3 Punkten auf den dritten Platz (10.000 Euro) zurück.

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Im Gesamtweltcup bleibt Stefan Kraft vorne: Vor dem Weltcup-Finale in Planica hat der 23-jährige Österreicher nun beste Aussichten, erstmals den Gesamtweltcup zu gewinnen. Mit insgesamt 1465 Punkten liegt Kraft knapp vor Stoch (1434 P.) und Tande (1181 P.).

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Nach der Raw-Air-Tour neigt sich die Saison der Skispringer dem Ende entgegen: Am kommenden Wochenende findet im slowenischen Planica das abschließende Weltcup-Finale statt. Von der größten geht es also auf die zweitgrößten Skiflugschanze der Welt – schon am Donnerstag finden auf der Letalnica-Flugschanze Training und Qualifikation statt.

Über Marco Ries 401 Artikel

Inhaber und Chefredakteur von skispringen.com. Hat sich nach der Jahrtausendwende von RTL am Skisprungfieber anstecken lassen und 2009 dieses Angebot gegründet. Studiert an der Universität Heidelberg und arbeitet nicht nur im Winter als freier Journalist.

7 Kommentare

  1. Schade für Andi Wellinger! Das gibt es ja gar nicht. Jedes Mal auf den letzten Zacken hinter Stefan Kraft.
    Als Österreicher freue ich mich für Kraft, aber gegönnt hätte ich es eigentlich Wellinger. Er ist ein cooler und sympatischer Typ und seine Zeit wird sicher noch kommen!

  2. Tut mir leid für Andi Wellinger. Es hat nicht sollen sein. Kopf hoch. Klar will man erster sein sein bei so einem Wettbewerb. Aber er hat bei dem Wettbewerb gezeigt,dass er zu den ganz Großen gehört.

    • das stimmt, Kamil Stoch brachte es auf den Punkt und zeigte große Achtung an Welli in dem er seinen Sieg dem Welli widmete, das war mehr als sportlich, auch wenn es im Augenblick den Welli kaum trösten wird

  3. ein schwarzer Tag für das Skispringen, ein Skandal,
    das hat mit Sport nichts mehr zu tun
    Wellinger wurden vor dem letzten Sprung alle Chancen genommen,
    er hätte auch gleich auf den Sprung verzichten können

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