Forschungsergebnisse aus Norwegen

Studie klärt auf: So anfällig sind Skispringer für Verletzungen

Wollen für das Thema Verletzungen im Damen-Skispringen sensibilisieren: Die Urheber der Studie, Oleane Marthea Rebne Stenseth und Sindre Floetlien Barli.

Obwohl diese Marke mittlerweile auch fest im Regelwerk verankert und auch auf den Startlisten stets vermerkt ist, hat sie keinen tieferen Hintergrund als die Annahme der FIS, dass Frauen generell ein höheres Verletzungsrisiko haben als ihre männlichen Kollegen. Dem ist jedoch nicht so, sagt die ehemalige Skispringerin: „Es gibt keine vorherigen Studien diesbezüglich im Damen-Skispringen, die diese Annahme stützen würden. Man müsste eine Datenbank aufbauen und erfassen, welche Faktoren Verletzungen begünstigen. Doch beides braucht Zeit.“ Dafür sprechen auch die von der FIS herausgegebenen Durchschnittswerte der Saisons 2017/2018 und 2018/2019 in Bezug auf die Verletzungsrate. Diese sind bei Damen und Herren mit 17 von 100, respektive 13 von 100 Athleten pro Saison, fast identisch.

Gerissene Kreuzbänder als Kernproblem – Wind und Wetter als einflussreiche Faktoren

Stenseth und ihr Team untersuchten auch die Diagnosen der Skispringerinnen. Während Gehirnerschütterungen und Kopfverletzungen seit den 1980er-Jahren immer rückläufiger sind – auch dank zahlreicher Anpassungen von Schanzenprofilen, die die FIS weltweit veranlasst hat – war und ist das Knie das am meisten geschädigte Körperteil. Die FIS listete bei Frauen und Männern zusammen 28 Knieverletzungen bei 74 insgesamt (37,8 Prozent) zwischen 2014 und 2018. Stenseths Studie weist bei 17 Verletzungen vier am Knie aus, was 23,5 Prozent entspricht.

Drei davon waren gerissene Kreuzbänder; eine Verletzung, wie sie in der untersuchten Saison Svenja Würth und in diesem Jahr auch Ramona Straub und Carina Vogt oder aber Severin Freund (gleich zwei Mal), David Siegel und Andreas Wellinger erlitten haben. Diese gilt auch in Medizinerkreisen als ernsthafte Verletzung, welche ab einer Ausfallzeit von mehr als 28 Tagen vorliegt. „Als Sportler gilt man ja schon als verletzt, sobald man nicht am Training teilnehmen kann. Und da sprechen wir über 15 der 17 Verletzungen“, sagt Stenseth.

Nun ist Skispringen eine Freiluftsportart: Springerinnen und Springer sind Wind und Wetter ausgesetzt – und das ist hinsichtlich Verletzungen ein echter Nachteil. Das untermauert Stenseth mit folgender Statistik: „85 Prozent aller Verletzungen, die mehr als acht Tage Ausfallzeit zur Folge hatten, passierten bei widrigen Wind- oder schwierigen Schneebedingungen. Bei den akuten Fällen, wo die Springerinnen also sofort medizinische Hilfe benötigten, sind es 69 Prozent.“

Verstärkte Verletzungsprävention und weitere Studien nötig

Die Feststellung dieser Zusammenhänge böten nun Anlass zur weiteren Forschung, so Stenseth. „Es gibt jetzt allerhand, was man erforschen sollte: Die Rolle der Telemark-Landung und eine potenziell erhöhte Sicherheit der Athleten durch andere Präparierung der Schanzen und defensivere Wettkampfdurchführung sind ja nur zwei Themen. Auch die Verletzungsmechanismen und mögliche Geschlechterunterschiede in Bezug auf die Häufigkeit und Ursachen dieser Verletzung sollten in den Fokus rücken“, so die Doktorandin. Und es gebe auch schon den nächsten Ansatz, verriet sie skispringen.com: „Wir sammeln weiter Daten und werden nach Ablauf der laufenden Saison weitere Ergebnisse präsentieren.“

Als Ableitung der Auskünfte der Athletinnen, dass fast die Hälfte von ihnen in zwei Saisons hintereinander Verletzungen erlitten, drängten sich Fragen hinsichtlich der Prävention auf. „Fast alle Athletinnen (52 der insgesamt 57, Anm. d. Red.), die nach der Saison befragt wurden, absolvieren während ihres Trainings Übungen, die der Vorbeugung von Verletzungen dienen. Fast ein Drittel davon tun auch außerhalb des Trainings etwas dafür“, berichtet Oleane Marthea Rebne Stenseth. Das sei auch richtig und wichtig, denn andere Studien bewiesen bereits: Mit solchen Maßnahmen lässt sich das Verletzungsrisiko um 30 und das Risiko eines Kreuzbandrisses sogar um 50 Prozent senken.

Dennoch lautet die Handlungsempfehlung, die in wissenschaftlichen Abhandlungen stets den Schluss bildet: „Es sollte ein Trainingsprogramm, das spezifische Übungen für Skispringerinnen und Skispringer umfasst, die auf den wesentlichen Komponenten des verletzungsvorbeugenden Trainings fußt, entwickelt und an sämtliche Teams verteilt werden.“ Erste Ansätze dessen gab es bereits jüngst mit dem ersten internationalen Skispringerinnen-Camp, das in Stenseths Heimatland Norwegen, nämlich in Lillehammer, stattfand.

Link zur vollständigen Studie (PDF in Englisch): https://bjsm.bmj.com/content/early/2019/09/15/bjsports-2019-100799

Im ersten Teil erfahren Sie, wieso große Weiten nicht unbedingt für schwere Stürze sorgen und, dass das Skispringen tatsächlich ein vergleichsweise sicherer Sport ist. Zurück zu Teil 1:

Über Luis Holuch 69 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig.

7 Kommentare

  1. Mich erstaunt die grosse Zahl von Kreuzbandrissen in der deutschen Mannschaft sowohl bei den Damen als auch bei den Herren. In keiner anderen Nation ist eine solche auch nur annäherungsweise Häufung zu sehen. Gibt es Ursachenforschung? Das kann doch kein Zufall oder einfach nur Pech sein…

  2. Ein interessanter Artikel mit Verweis auf diese Studie.
    Es gab vor einigen Jahren mal eine Studie zu Kreuzbandverletzungen im Frauenfussball. Einige Teams haben daraufhin das Training umgestellt und die Anzahl der Verletzungen ging auch zurück.
    Ich bin überzeugt, dass es beim Skispringen mehrere Faktoren sind, die eine Rolle spielen. Dadurch ist auch eine Patentlösung nicht zu finden. Die Hebelwirkungen der Ski bei einem Sturz, der mögliche (zu) hohe Druck auf die Kreuzbänder bei der Landung oder eine Distorsion des Kniegelenks nach einem Sturz (ohne Ski). Viele verschiedene Möglichkeiten, sich schwerwiegende Verletzungen zuzuziehen.

  3. Da gebe ich Dir recht.Was kann ein Springer dafür,wenn er über die Hillsize springt und um einen Sturz zu vermeiden keinen Telemark macht und dafür noch sehr schlecht bewertet wird!

    • Für gefährlich weite Sprünge ist in erster Linie die Jury verantwortlich, das Risiko trägt aber der Springer, dem dann zur Strafe auch noch die Punkte für einen „Sicherheitsaufsprung“ abgezogen werden. Wie wär‘s, wenn man wenigstens für Landungen jenseits der HS keine Punkte mehr abziehen dürfte? So würden die Allerbesten nicht auch noch für Fehler der Jury bestraft.

  4. Jede Sportart legt sich ihre Studie so zurecht, daß sie am Ende als nicht gefährlich eingestuft werden. Starben die Leute beim Fallschirmspringen früher weil die Schirme nicht aufgingen, wie im Volksmund Öffnungsstörungen genannt werden, sterben sie heute beim Landen.- Also wird das Springen heute als nicht mehr so gefährlich eingestuft werden weil die Schirme ja sicherer wurden.. Ob Ski- oder Fallschirmspringen….- es muss versucht werden das Unglücksrisiko zu minimieren- beim Skispringen meines Erachtens im Abwerten des Telemarks.- Wie dokumentiert er ob ein Springer springen kann- für mich definiert er es in der Weite und nicht mit dem Landevorgang.- Beim Falllschirmspringen dagegen- kleine und schnelle Schirme nicht zu forcieren.

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