So tickt der Tournee-Sieger

Halvor Egner Granerud: Champion mit Weitblick

Foto: imago / ThomasReiner.pro

Halvor Egner Granerud reiste nicht als Top-Favorit an und ist nun Vierschanzentournee-Sieger. skispringen.com beleuchtet, wie der 26-jährige Norweger tickt und wie er seine offene Rechnung mit der Tournee beglich.

„Geschichte wiederholt sich“ – ein Stehsatz, wie er im Sportjournalistendeutsch gerne verwendet wird und auch in diesem Fall in gewisser Weise zutrifft. Denn, es gab schon mal eine Phase, in der Halvor Egner Granerud der beste Skispringer der Welt war – und diese fiel fast in denselben Zeitraum einer Skisprungsaison: Im Dezember 2020 fuhr der damals 24-Jährige fünf Weltcupsiege am Stück ein und legte damit einige Grundsteine zu seinem späteren Gesamtweltcupsieg in der Saison 2020/2021.

Danach war die große Frage: Bleibt er, der in der Saison zuvor auf gerade einmal acht Weltcuppunkte und Rang 61 kam, ein One-Hit-Wonder oder folgt eine Fortsetzung? Spätestens an diesem 6. Januar 2023 wurde klar: Geschichte wiederholt sich, wenn auch nicht eins zu eins. Es gab eine Fortsetzung und was für eine! Wie er seine offene Rechnung mit der Tournee beglich, was dieser Erfolg für seinen Trainer Alexander Stöckl bedeutet und wie er tickt, erklärt skispringen.com in diesem Porträt.

So beglich Granerud seine Tournee-Rechnung

„Ich habe bei dieser Tournee immer ganz gut geschlafen“, bekundete Halvor Egner Granerud in seiner typisch ruhigen Art vor dem Dreikönigsspringen in Bischofshofen. Konnte er auch, schließlich hatte er die größte Falle zu diesem Zeitpunkt bereits überlistet: Die Bergiselschanze zu Innsbruck. Nicht nur die deutschen Skispringer, nein auch den sonst so in sich ruhenden Norweger hatte sie in den letzten Jahren zur Weißglut getrieben. Nie war er dort über Platz 15 hinaus gekommen, bei der WM 2019 gar im ersten Durchgang ausgeschieden. Auch bei seinem ersten „echten“ Angriff auf den goldenen Adler Anfang 2020 war er dort gescheitert – und ließ sich zu allem Überfluss auch noch im Frust zu einem Kommentar hinreißen, dem man ihm so kein zweites Mal mehr entlocken könnte.

Drei Jahre später war er beim ersten Saison-Highlight so gut, dass ihn auch ein schwächerer erster Durchgang am Bergisel nicht stoppen konnte. Zuvor hatte er in Oberstdorf eiskalt die kleinen und großen Fehler der großen Favoriten Dawid Kubacki und Anze Lanisek ausgenutzt und das Auftaktspringen gewonnen. So gut wie der Jahresausklang 2022 war, so gut war auch der Jahresauftakt 2023 in Garmisch-Partenkirchen. Auch am Gudiberg gab Granerud den Ton an und sorgte mit seiner Jubel-Yoga-Pose dafür, dass sogar Fußball-Star Erling Haaland auf Social Media Teil der Tournee-Party wurde.

Seine persönliche Party feierte er dann am Laideregg, nachdem er in typischster Manier seinen dritten Tagessieg ersprang: Er setzte den Hoffnungen von Konkurrent Dawid Kubacki bereits im ersten Durchgang ein Ende und segelte dann im Finale nach einer Anlaufverkürzung seines Trainers zur Top-Weite von 143,5 Metern und dem Tourneesieg. Damit war das Meisterstück perfekt. „Ich war so fokussiert und habe so hart dafür gearbeitet und auch viele langeweilige Stunden im Bett gelegen, weil ich wusste, wie schwierig und anstrengend diese Tournee wird. Jetzt ist der Traum wahr geworden, sodass sich auch mein Schul-Deutsch verabschiedet hat“, beschrieb er seinen Weg zum goldenen Adler und 100.000 Schweizer Franken (umgerechnet 100.800 Euro).

Tournee-Triumph ist auch ein Meisterstück für Trainer Alex Stöckl

Doch nicht nur für den Springer vom Asker Skiklubb selbst, sondern auch für seinen Trainer ist es die Vollendung eines Meisterstücks. Der Österreicher, der im März 2011 Nachfolger des Finnen Mika Kojonkoski wurde, ist bereits jetzt selbst eine Trainerlegende. Gleich in seiner ersten Saison gewann er mit Anders Bardal den Gesamtweltcup, im Jahr darauf in Val di Fiemme WM-Gold und den Nationencup. Erneuter Einzel- und erstmals Team-Weltmeister wurde er dann 2015 in Falun. 2016, in der so dominanten Saison von Peter Prevc, sorgten Stöckl und sein Team mit dem Nationencup dafür, dass beim Weltcup-Finale in Planica nicht nur die slowenische, sondern auch die norwegische Nationalhymne gespielt wurde.

Den Skiflug-Teamtitel aus demselben Jahr konnten seine Schützlinge auch 2018 und 2020 verteidigen, 2018 und 2022 kamen durch Daniel-Andre Tande und Marius Lindvik zudem zwei Einzel-Titel in dieser besonderen Disziplin hinzu. Lindvik wurde in Peking zudem Einzel-Olympiasieger im vergangenen Jahr, nachdem das Team 2018 in Pyeongchang bereits ganz oben stand. Nur bei der Vierschanzentournee wollte es sich für Stöckls Schützlinge nie ausgehen. „Viele Jahre waren wir knapp dran, haben immer viel gekämpft. Nun ist es so weit, das fühlt sich großartig an. Jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, an dem er loslassen und es genießen kann. Das wird eine ordentliche Party“, strahlte der Erfolgscoach, nachdem die Titelsammlung nun endlich komplett ist.

Viel Akribie und ein mutiger Schritt

Den Grundstein legte der 49-Jährige mit seinem aktuell besten Mann bereits im Sommer. Wie schon vor dem Gesamtweltcupsieg arbeiteten sie gemeinsam in aller Offenheit und Ehrlichkeit die Schwächen und Fehler auf, die in der Vorsaison aufgetreten waren. Und diese war beileibe nicht schlecht: Zwei Weltcupspringen gewann Granerud, wurde zudem sechs Mal Zweiter und zwei Mal Dritter. Erst im letzten Sprung der Saison verlor er den dritten Platz im Gesamtweltcup an Teamkollege Marius Lindvik.

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Und dennoch hatte er das Gefühl, etwas verändern zu müssen – und das nicht nur an seinem Sprung. Ganz getreu dem Motto „wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ führte er im Sommer zahlreiche Skitests durch und tat damit etwas, was im Ski Alpin weitaus üblicher ist als im Skispringen. „Es war sehr seltsam, etwas anderes auszuprobieren“, gestand er gegenüber ‚Dagbladet‘, wenngleich es sich voll und ganz auszahlte: „Im Laufe des Sommers habe ich ein deutlich besseres Gefühl für die Ski von ‚BWT‘ bekommen.“

Der Wechsel vom blau-weißen Fabrikat von ‚fluege.de‘ aus Thüringen auf die rosa Latten von ‚BWT‘, die in Kooperation mit Marktführer Fischer in Österreich hergestellt werden, sei deshalb „eine einfache Entscheidung gewesen“. Diesen Wechsel hinter sich zu bringen, habe ihm aber „das Herz gebrochen“: „In Deutschland anzurufen und zu sagen, dass ich die Skier wechseln werde, war eine schmerzhafte Entscheidung.“ Doch auch diese, die ihre Wurzel in seiner akribischen Arbeitsweise hat, hat ihm bei dieser Tournee den ganz großen Wurf beschert und waren gleichzeitig auch der Grund dafür, weshalb seine Erfolgsgeschichte mit dieser einen überragenden Saison noch nicht zu Ende war.

Showman in Teenagertagen

Sein Tournee-Debüt gab Granerud übrigens 2015. Zu diesem ging ein Clip von ihm viral, der bereits 2012 gefilmt wurde. Dieser zeigt den gebürtigen Osloer, wie er auf der 60-Meter-Schanze in Midstua, nur wenige hundert Meter vom Holmenkollen entfernt, einen Sprung absolviert – nur mit Helm, Brille, Handschuhen und den benötigten Schuhen bekleidet. „Natürlich ist das schon witzig, wenn man einige Geschichten in Verbindung mit seinem eigenen Namen liest“, sagte er seinerzeit mit einem schelmischen Grinsen zu ‚NRK‘.

Noch bevor er international überhaupt in Erscheinung trat, wurde er im März 2013 im zarten Alter von 16 Teil eines spektakulären Auftritts, der weltweit große Wellen schlug. Beim Skifestival am weltberühmten Holmenkollen stürzten sich gleich fünf Springer kurz nacheinander fast gleichzeitig vom Bakken – und Halvor Egner Granerud war mittendrin. Mit über 190.000 Aufrufen ist dieses Video das bis heute am zweitmeisten geklickte auf dem ‚YouTube‘-Kanal der Skisprungsektion des Internationalen Skiverbandes (FIS). Und auch diese Anekdote sollte nicht die Letzte bleiben.

Am 9. Februar 2016 reiste er voller Vorfreude zum Weltcup-Skifliegen nach Vikersund. Nur, um dort festzustellen, dass er gar nicht teilnehmen darf, da er zu diesem Zeitpunkt weder Sommer-Grand-Prix- noch Weltcuppunkte vorzuweisen hatte, die er aber gebraucht hätte. Doch aus dieser Panne mangels Regelkenntnis machte er auf seine ganz eigene Art und Weise das Beste: „Ich werde die Schanze dann eben als Vorflieger in Angriff nehmen und hoffe, einige weite Flüge zu machen – hoffentlich auch über die 200-Meter-Marke“, kündigte er auf seiner ‚Facebook‘-Seite an und segelte genau zwei Tage später er in einem phänomenalen Flug auf dem nicht unumstrittenen Monsterbakken auf 240 Meter – bei seinem allerersten Flug überhaupt, womit er seine persönliche Bestweite um sagenhafte 100 Meter verbesserte.

Granerud setzt sich auch für Kolleginnen ein

Bei allem vorhandenen Ehrgeiz neigt er nicht dazu zu verkrampfen und hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Aus seiner Frühgeschichte weiß man jedoch, das war nicht immer so. „Auch durch die Covid-Zeit hat er gelernt, geduldiger zu werden und sich nicht mehr verrückt zu machen“, erzählte sein Vater Svein, der in Bischofshofen durch sein Crowdsurfing zum heimlichen Tournee-Star wurde, bereits im Frühjahr 2021 im Gespräch mit skispringen.com. Alex Stöckl konnte dem am Dreikönigstag nur beipflichten: „Dadurch, dass Halvor so eine Ruhe ausstrahlt, wirkt sich das auch auf das Team aus. “

Die Pandemie war auch die Zeit, in der er sich, auch durch den Zusammenschluss des Herren- mit dem Damen-Team in Norwegen Gedanken um das große Ganze machte. Im Podcast ‚Flugshow‘ schilderte er Gedankenspiele, die er mit Teamkollege Daniel-Andre Tande in seinem eigenen Podcast gemacht hatte: „Wir sind zwar nur Skispringer und kennen nicht alle Prozesse im Hintergrund, aber wir haben zumindest über Ideen gesprochen, wie man das Damen-Skispringen auf ein neues Level heben kann. Ein Teil davon ist es, mehr gemeinsame Veranstaltungen zu machen. Das wäre sowohl für die Medien als auch für die Sponsoren interessanter.“

Auch für die Kolleginnen sehe er nur Vorteile, „wenn ich meiner Teamkollegin Silje Opseth zuhöre, die mir sagt, dass sie in einem Mixed-Team so viel Preisgeld wie noch nie für einen einzigen Wettkampf bekommen hat. Ich sehe da viel ungenutztes Potenzial, man könnte den Skisprungsport noch besser und gesünder machen. Es passiert zwar etwas, doch der Fortschritt ist recht langsam.“ Und auch wenn der inzwischen in Trondheim lebende Adler diesen Satz bereits im Frühjahr 2021 äußerte, hat er auch kurz nach dem Jahreswechsel 2023 noch Gültigkeit.

Das öffentliche Hickhack zwischen dem Deutschen und dem Österreichischen Skiverband um die Einführung der Vierschanzentournee der Damen griff er auf seine ganz eigene Art und Weise auf, indem er in einer ‚Instagram-Story‘ ein Schild mit der Aufschrift „WC Damen“ fotografierte und ironisch kommentierte: „Ich war eine Sekunde verwirrt, weil wir ja in Innsbruck sind. Aber keine Sorge, das ist bloß eine Toilette.“ Er, wie auch seine Landsleute und viele Skisprungfans werden hoffen, dass sich zumindest diese eine Geschichte nicht nochmal wiederholt.

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Über Luis Holuch 450 Artikel
Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig. Kommentierte den offiziellen Live-Stream der Junioren-WM 2020, sowie die FIS-Classics-Serie und auch die Continentalcup-Finals in der Nordischen Kombination.

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