Tops & Flops

Glanzlichter der Powerfrauen sorgen für positive Zukunftsaussichten

Foto: tramplin.perm.ru

Die Skisprungsaison 2018/2019 für die Skispringerinnen ist schon wieder Geschichte. skispringen.com liefert in der langen Frühlingspause noch einmal eine ausführliche Analyse – in den Tops und Flops.

Jeder, der mit Skispringen zu tun hat – ganz egal ob selbst Springer(in), Fan, Trainer(in) oder Beobachter(in) – kennt ihn: Den Post-Saison-Blues, manche nennen es sogar „Nachsaisondepression“. Es ist die Mischung aus der Gewissheit, dass nun einige Monate an den Wochenenden etwas ganz Besonderes fehlen wird, aber auch das Bedürfnis, nostalgisch zurückzublicken. skispringen.com-Redakteur Luis Holuch macht dies für die Saison der Skispringerinnen nochmal auf seine ganz eigene Art und Weise – mit den Tops & Flops, sowie einem Blick in die Zukunft.

Jedes Jahr stellt sich aufs Neue die Frage: „Und nun?“. „Nix und nun“, sprach der Wettkampfkalender: Ende. Aus. Vorbei. Daran merkt man, dass man im Moment lebt, ihn dann aber doch irgendwie nicht auskostet. Die Zeit ist schnelllebig geworden. Ging die Saison gerade erst mit dem Lillehammer Triple los, so sind die Athletinnen heute schon wieder einige Tage nach der „Blue Bird“ zuhause. Viele nutzen die Zeit für Urlaub. Manche gehen Skifahren, weil es vorher zeitlich nicht ging und manche haben gar noch Terminstress, weil Medientermine und Ehrungen auf sie warten.

Die Powerfrau der Saison: Maren Lundby

So ergeht es beispielsweise Maren Lundby. Die Norwegerin hatte schon während der Saison und gerade rund um die „Raw Air“-Premiere der Damen Termine en masse und stand nun nach der Saison sogar erstmals auf der Bühne, um unter anderem ihren Song „Ski Jumping Queen“ zu performen, dessen skurriles Musikvideo samt Text für allerhand Aufmerksamkeit sorgte. Es war eine ungewohnt wilde Seite, die man von ihr zu sehen bekam. Ansonsten gab sich Lundby so, wie man sie kennt: Zurückhaltend, aber bestimmt, neben, und aggressiv und kompromisslos auf der Schanze.

Diese Mischung brachten ihr zwölf Weltcupsiege, sowie sieben weitere Podestplätze und die damit verbundene Titelverteidigung im Gesamtweltcup ein. Sie gewann auch die erste Ausgabe der „Raw Air“ für die Damen, setzte währenddessen den weitesten Sprung in einem FIS-Wettkampf und krönte sich in Seefeld zur Weltmeisterin. Nimmt man den Saisonverlauf als Maßstab, war sie die logische Weltmeisterin, und sie hat auch mit ihrem Trainingsschwerpunkt Athletik im Sommer alles richtig gemacht. Sicherlich waren die Umstände diskutabel, doch für die vergebenen Haltungsnoten kann sie freilich nichts.

Das fliegende Doppelzimmer: Katharina Althaus und Juliane Seyfarth

Die „Leidtragende“ zweifelhafter Haltungsnoten in diesem Wettkampf in Seefeld war Katharina Althaus. Und doch konnte die Oberstdorferin glaubhaft versichern, dass die Silbermedaille für sie auch ein Grund zur Zufriedenheit war. Im Nachhinein sicher nochmal mehr, da sie ja tags zuvor Gold mit dem Team und nur wenige Tage später auch Gold mit dem Mixed gewann. Wie in der Vorsaison kam Althaus zu drei Weltcupsiegen und schaffte es auch, ihren Sieg beim Lillehammer Triple zu wiederholen. Mit über 400 Punkten Rückstand war sie im Gesamtweltcup zwar noch weiter weg vom Gesamtsieg als in der Vorsaison, jedoch: Sie ist die einzige Springerin, die in allen 24 Springen unter die besten Zehn sprang.

Die Jahre um das dritte vollendete Jahrzehnt gelten bekanntermaßen als das beste Sportleralter. Schaut man auf den Personalausweis von Juliane Seyfarth, entdeckt man dort den 19. Februar 1990 als Geburtsdatum; macht nach Adam Riese ein Alter von 29 Jahren. Und die Thüringerin gab sich, ob gewollt oder nicht, in dieser Saison alle Mühe, die Theorie zu bestätigen – und es gelang ihr: Sie sprang sio gut wie noch nie. 13 Podestplätze, davon vier Siege (der erste im zweiten Saisonspringen) und Platz drei im Gesamtweltcup; dazu gesellten sich zwei Goldmedaillen bei der WM in Seefeld und der Gesamtsieg bei der „Blue Bird“. Auch sie hat zuletzt vermehrt an der Athletik gearbeitet und die Vorgaben ihrer Trainer exakt umgesetzt, und es funktionierte besser denn je.

Die Unkaputtbaren: Eva Pinkelnig und Daniela Iraschko-Stolz

Sollte es irgendwann mal einen goldenen Adler für das Lebenswerk im Damen-Skispringen geben, dann wäre Daniela Iraschko-Stolz die Anwärterin auf diesen Preis. Ihre Leistung, über mittlerweile fast zwei Jahrzehnte konstant Teil der absoluten Weltspitze in dieser immer im Wandel befindlichen Sportart zu sein und immer wieder von schweren Verletzungen zurück zu kehren, kann gar nicht hoch genug bewertet werden.

Unvergleichlich war ihre Aufholjagd, die ihr die Bronzemedaille im Einzelspringen bei der Heim-WM bescherte, erbarmungslos zuvor ihr Kampf für das Teamspringen, das schlussendlich doch noch ins Programm aufgenommen wurde. Dass sie auch dort mit Silber, wie auch im Mixed, eine Medaille gewann, nachdem sie zuvor fast einen Monat wegen einer atypischen Lungenentzündung ausgefallen war, rundet diese Geschichte perfekt ab. Zur Krönung feierte auch in dieser Saison drei Weltcupsiege, sowie einen dritten Platz. Dass sie die Saison nach der „Raw Air“ vorzeitig beendete, „weil die Batterie leer“ war, verwunderte nicht. Doch so sehr man die mittlerweile 35-Jährige vermisst, so sehr freut man sich jetzt schon, sie spätestens im Winter wiederzusehen.

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„Dass ich das erleben darf, ist ein weiteres Kapitel in einer Story, die sonst nur Hollywood schreibt“, sagte Eva Pinkelnig im Exklusiv-Interview mit skispringen.com vor der Weltmeisterschaft. Danach dankte sie einer langen Liste von Unterstützern, dass sie „unzählige Gänsehaut-Momente erleben“ durfte. Gemeint waren ihr fünfter Platz im Einzel, sowie zweimal Silber (Team und Mixed). Und als man dachte, dass nach dem ohnehin außergewöhnlichen Werdegang und auch einem nicht mehr für möglich gehaltenen Comeback nicht noch mehr auf einen Schlag kommen könnte, bewies Pinkelnig einmal mehr das Gegenteil. In Lillehammer und Trondheim gelangen ihr innerhalb von drei Tagen zwei Podestplätze. Und wurde sie im Gesamtweltcup als Sechste beste Österreicherin. Skispringen braucht kein Hollywood, solange das scheinbar unkaputtbare Energiebündel aus Vorarlberg so sein Unwesen treibt – im allerpositivsten Sinne.

Die Überraschungen: Anna Odine Stroem und Lidiia Iakovleva

Eine Norwegerin in der Weltklasse war man aus den vergangenen Jahren gewohnt, doch in dieser Saison gesellte sich eine Zweite hinzu. Anna Odine Stroem, 20 Jahre jung, und bis zum Sommer eher noch eine Art Geheimtipp. Doch sie sprang wahrhaftig die Saison ihres Lebens und trat in Zao sogar aus dem Rampenlicht von Maren Lundby, als sie nur 0,2 Punkte hinter ihrer Teamkollegin Rang zwei belegte. In Nischni Tagil legte sie sogar noch Rang drei nach. Insgesamt zieren sage und schreibe 17 Top-Zehn-Ergebnisse (zehn davon alleine in Folge) ihre tolle Bilanz, die mit Platz sieben im Gesamtweltcup endete. Zudem gewann Stroem bei der WM in Seefeld mit dem Team und auch mit dem Mixed die Bronzemedaille.

Und dann war da noch eine junge Russin. Allein ihr Sieg zum Auftakt in Lillehammer qualifizierte Lidiia Iakovleva für die Überraschung der Saison, doch sie war auch danach beständig unterwegs: 22 Saisonstarts, dabei 19 Mal Punkte und neben ihrem Sieg weitere neun Top-Ten-Ergebnisse sind ihre starke Bilanz – macht Platz 13 im Gesamtweltcup. Und, dass sie zwei Weltcupspringen wegen der Junioren-WM verpasste, waren kein Versäumnis in dem Sinne, schließlich wurde sie mit dem Mixed und dem Team Junioren-Weltmeisterin und Zweite im Einzel hinter Teamkollegin Anna Shpyneva.

Mit in diese Kategorie darf man sicher auch die Italienerinnen, insbesondere bei der WM einsortieren. Wer mit einer Nordischen Kombiniererin (Veronica Gianmoena) und einem Rookie (Giada Tomaselli) den Einzug ins Finale schafft, hat sich diese kleine Auszeichnung definitiv verdient. Doch auch sonst lieferten Lara Malsiner (18. im Gesamtweltcup) und Elena Runggaldier (23.) ab: Drei, respektive zwei Top-Ten-Plätze waren ihre Saisonhighlights. Da fragt man sich doch: „Wie ist das Erfolgsrezept, Frau Malsiner?“ Laut lachend kam die Antwort: “ Ich hab mir gedacht, nach einem richtig schlechten ersten Trainingssprung kommt immer ein Topresultat.“

Teamkollegin Runggaldier zeigte sich hocherfreut über das zurückliegende Jahr: „Ich bin sehr glücklich mit dieser Saison. Der Start im Sommer war nicht einfach, ich war lange Zeit mit einer Sprunggelenksverletzung außer Gefecht und weder auf der Schanze noch sonst im Training. Aber mit guten Leuten an meiner Seite, die mich unterstützt haben, kam ich doch noch in Fahrt für den Winter und hatte einige tolle Sprünge. Es hat großen Spaß gemacht und ich bin dafür sehr dankbar.“

Enttäuschungen in Übersee

Nicht viel zusammen lief derweil bei den Teams aus Übersee. Während das kanadische Teams durch Verletzungen und Stürze gebeutelt schlussendlich nur noch aus einer Springerin, Natalie Eilers, bestand und nur auf vier Punkte kam, vermochte das US-Team die Lücke der freiwillig pausierenden Sarah Hendrickson nicht zu schließen. Nita Englund sprang nicht auf dem Niveau der Vorsaisons, Tara Geragthy-Moats‚ erhöhte Konzentration auf die Nordische Kombination machte sich in ihren Sprungergebnissen bemerkbar und Nina Lussi und Logan Sankey mussten nach ihren Verletzungen erst einmal wieder den Anschluss finden.

Während man bei den amerikanischen Teams nicht lange nach Gründen für eine schwächere Saison finden musste, fiel das bei den Japanerinnen schon schwerer. Sara Takanashi schloss mit Platz vier zwar zum ersten Mal nicht unter den besten drei im Gesamtweltcup ab, kann aber angesichts der Tatsache, dass sie im Sommer ihre Sprungtechnik von Grund auf änderte, von der Kritik ausgenommen werden. Ebenso die junge Nozomi Maruyama, die in ihrer kompletten Weltcupsaison gute 20. wurde. Nicht zufriedenstellend bis rätselhaft war derweil die Saison von Yuki Ito, bei der sich der japanische Verband sogar dazu bewogen fühlte, sie für das Wochenende in Rasnov aus dem Weltcup zu nehmen. Platz fünf in Oberstdorf war ihr bestes Tagesergebnis, mehr war nicht.

Keine Karriereenden, aber ein Lazarett

Ein Blick auf die Aktivenliste offenbart eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Gute zuerst: Rücktritte gab es bis dato keine, augenschenlich muss man sich also zum ersten Mal nach einer Weltcupsaison von keiner bekannten Skispringerin verabschieden. Doch umso mehr schmerzten die zahlreichen Verletzungen während der Saison, insbesondere die krasse Häufung von Kreuzbandrissen. Noch vor Weltcupstart erwischte es die Italienerin Manuela Malsiner, die sogar noch weitere Verletzungen davontrug – schon vier Jahre zuvor fiel sie mit einem Kreuzbandriss aus.

Im Dezember erlitten dann gleich drei Springerinnen Kreuzbandrisse: Gianina Ernst beim Continentalcup in Notodden, die Schwedin Frida Westman beim Training im Rahmen des Weltcups in Premanon und Ema Klinec, die die niederschmetternde Diagnose gar an Heiligabend erhielt, nachdem sie tags zuvor bei den Landesmeisterschaften auf der Großschanze in Planica gestürzt war. Für Abigail Strate aus Kanada und Julia Clair aus Frankreich war die Saison dann im Januar aufgrund von Kreuzbandrissen beendet. Den Endpunkt dieser Serie bildete dann schließlich der Sturz von Ramona Straub am Osloer Holmenkollen, der ebenfalls einen Kreuzbandriss zur Folge hatte. Sie ist die vierte der sieben Springerinnen, die schon einmal diese Art Verletzung überwunden hatte.

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Konkrete Erklärungen für die Häufung exakt dieses Verletzungstyps gibt es nicht, allenfalls Theorien. Seit Erfindung steht der gekrümmte Bindungsstab diesbezüglich unter Beobachtung, im Verlaufe dieser Saison wurden auch die Keile, die die Springerinnen und Springer in die Sprungschuhe stecken, als mögliche Ursache ins Spiel gebracht. Immerhin: Im Verlaufe der Saison kamen mit Julia Huber, Nina Lussi, Svenja Würth, Oceane Avocat Gros, Luisa Görlich und Logan Sankey sechs Springerinnen nach Verletzungen zurück. Lussi, Avocat Gros (dritter Kreuzbandriss) und Würth sammelten Weltcuppunkte, Huber und Sankey sprangen zumindest mit und Görlich nahm zumindest an nationalen Wettkämpfen teil.

Skifliegen für die Damen: Nur noch eine Zeitfrage?

Noch einmal zurück zu Maren Lundby: Sie ist nicht nur aufgrund ihrer sportlichen Leistungen die Führungsfigur im Damen-Skispringen. Sie weiß mittlerweile auch die Interessen ihrer Kolleginnen und auch ihre eigenen nach außen zu vertreten. Das wurde spätestens mit ihrem Gastartikel im norwegischen Portal ‚vg.no‘ deutlich, in dem sie klarstellte: „Ich träume davon, auf dem Vikersundbakken zu fliegen, aber ich habe keine Lust, dort als Pausenclown für die Herren zu fungieren.“ Ein Statement, das sitzt. Katharina Althaus schlug in dieselbe Kerbe und bekräftigte: „Ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren dann auch in Vikersund fliegen dürfen.“

Der Norwegische Skiverband, an dem es läge, den Damen ein Skifliegen auf dem Vikersundbakken zu ermöglichen, zeigt sich unorthodox und fortschrittlich, wie man ihn kennt. Denn bereits mit der Implementierung der „Raw Air“ ist man im Königreich einen Schritt gegangen, den andere (noch) nicht gehen wollten (oder konnten). Und so sagt Sportdirektor Clas Brede Braathen: „Wir können uns sehr gut vorstellen, 2021 zum ersten Mal ein Skifliegen für die Damen zu veranstalten. Auf dem Vikersundbakken und im Rahmen der Raw Air.“ Dieser Zeitpunkt erscheint aus heutiger Sicht realistisch und deshalb auch ideal: Während man heute sicher zehn bis 15 Springerinnen zutraut, diese Schanze zu bewältigen, so wird sich diese Zahl selbst bei einer kontinuierlicher Entwicklung des Damen-Skispringens erhöhen.

Sportliche Entwicklung top, mediale Abbildung weiter flop

26 Springen (24 Einzel, zwei Teamspringen) auf 15 Schanzen in zwölf Orten in acht Ländern gab es in der Weltcupsaison 2018/2019 – es war die längste Saison der Weltcupgeschichte. 99 Springerinnen aus 19 Nationen nahmen teil, 58 aus 15 Nationen konnten punkten. 13 von ihnen aus sechs Nationen standen auf dem Podest, fünf von ihnen (Seyfarth, Iakovleva, Straub, Stroem und Bogataj) zum ersten Mal. Sechs Springerinnen teilten die Siege unter sich auf, mit Seyfarth und Iakovleva – beide interessanterweise auch gleich beim Auftakt in Lillehammer – gewannen zwei zum ersten Mal. Sieben verschiedene Springerinnen belegten den zweiten und elf den dritten Platz.

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Mit Ausnahme der Teamspringen, die sowohl im Weltcup als auch bei der WM, allesamt an deutsche Mannschaften gingen, war also reichlich Abwechslung geboten. Und doch macht eine Sache wenig Spaß: Die TV-Berichterstattung. Die Qualität der Übertragungen ist eine höchst subjektive Geschmackssache und deshalb nicht objektiv beurteilbar. Doch die Quantität ist klar bemessbar und dementsprechend einfach zu beurteilen. Und die ließ in diesem Winter einmal mehr zu wünschen übrig. Von den Öffentlich-Rechtlichen, von den Privaten erst recht.

Auch wir Berichterstatter sind oft auf das TV-Bild angewiesen, weil wir eben nicht immer (vornehmlich aus Kostengründen) vor Ort sein können. Und gerade dann ist es ein echtes Problem, wenn es keine Livebilder gibt. Zusammenfassungen sind zwar für das Damen-Skispringen an sich ein netter Versuch der Wiedergutmachung, jedoch flimmern diese über die Bildschirme, wenn unsere schon lange online sein müssen und auch sind. Dass beispielsweise von der „Raw Air“ gerade einmal der zweite Durchgang am Holmenkollen live gezeigt wurde und sonst gar nichts, mutet seltsam an.

Noch skurriler wird es, wenn man dann bemerkt, dass sportschau.de einen Liveticker anbietet, wo zumindest noch ein echter Mensch zu sitzen scheint, der aber im Gegensatz zu allen anderen die Bilder sieht und anhand dieser seine Kommentare schreibt. Wenn man schon den sogenannten World Feed zur Verfügung hat (man hat ja schließlich die Rechte dafür eingekauft), warum bietet man ihn nicht auch der Öffentlichkeit an? So ist man in Deutschland noch weit unter dem Niveau, das Maren Lundby in Norwegen beklagt: „Es tut jedes Mal aufs Neue weh, wenn unsere Übertragung vom TV auf einen Livestream verlegt wird.“ Dass so ein Szenario im deutschen Skisprunguniversum ein Fortschritt wäre, sollte zu denken geben.

Zweite akute Baustelle: Preisgelder

Die zweite, globalere, aber genauso akute, Baustelle ist das Preisgeld im Damen-Skispringen. Deshalb setzte die wiedergewählte Athletensprecherin Sarah Hendrickson, die spätestens im nächsten Winter wieder mit dabei sein möchte, auf ihre persönlichen Agenda. „Es ist ein Ziel von mir, auch dort Gleichberechtigung herzustellen. Derzeitig verdienen wir weniger als 30% von dem, was die Männer verdienen. Ich möchte den Männern nichts wegnehmen, da ich sie verehre. Aber ich wurde nunmal als Frau geboren und wir verdienen die gleichen Möglichkeiten.“

Die allgemeine Schieflage verdeutlicht folgendes Rechenbeispiel: Maren Lundby verdiente als Siegerin der „Raw Air“ 35.000 Euro. Um auf diese Summe zu kommen, müsste sie vierzehn (!) Weltcupspringen gewinnen, da ein Weltcupsieg mit 3.000 Schweizer Franken vergütet wird. Mit ihren zwölf Weltcupsiegen hat sie dementsprechend 32.173 Euro verdient und damit immer noch weniger als für diese Gesamtwertung, die sich aus neun Sprüngen zusammensetzt (alle Gelder vor Steuern). Bei 14 Weltcupspringen wären es im Normalfall 42. Zwar zählt die Qualifikation nicht für ein Weltcupspringen an sich, aber auch diese muss sie ja zumindest überstehen.

» Alle Termine im Überblick: Sommer-Grand-Prix 2019 (Damen)

Zum Vergleich: Ein Weltcupsieg bei den Männern bringt 10.000 Schweizer Franken, was 8.936 Euro entspricht, selbst dafür müsste eine Skispringerin drei Weltcupspringen gewinnen. Die Preisgelder der „Raw Air“ waren fortschrittlich und sollten alsbald Maßstab sein, sodass auch die Skispringerinnen, die trainieren und einen Lebensstil wie Profis pflegen, auch die Chance bekommen, von ihrem Sport leben zu können. Dann wäre man noch einen Schritt weiter als ohnehin schon.

Über Luis Holuch 57 Artikel
Ist seit Kindesbeinen an sport- und skisprungverrückt. Seit 2010 als Journalist tätig und hat 2017 sein erstes Buch veröffentlicht. Wie es die Leidenschaft wollte, ging es darin um das Damen-Skispringen. Genau dafür ist er bei skispringen.com auch primär zuständig.

1 Kommentar

  1. Mir gefällt das Damenskispringen sehr gut!Bin auch mit Berichterstattung in den Medien unzufrieden,bei TV Live od.Aufzeichnung ist’s in Österreich besser! Bin auch d.Meinung,daß die Damen bessere Bezahlung verdienen!

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